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Manchmal muss man einen Toten vor sich selbst schützen

17.06.2019, von

Martin Rupps

Martin Rupps meint … (Foto: SWR)

Sehr geehrte Frau Kohl-Richter,

in einem offenen Brief begründen Sie ausführlich, weshalb sie eine Klage ihres verstorbenen Mannes gegen einen Ghostwriter fortsetzen. Es geht Ihnen um die Herausgabe von Tonbändern, die der Journalist offenbar ohne Rücksprache mit ihrem Mann ausgewertet hat. Sie schreiben von einem Schaden, der „mit Helmut Kohl auf ewig in die Geschichte“ eingehe. Ein vorzeitiges Ende des Rechtsstreits würde „den Schaden für die Geschichte festschreiben“.
 
Falls Ihre Darstellung zutrifft, kann ich das Vorgehen des Journalisten-Kollegen Heribert Schwan eigentlich nicht gutheißen. Denn dann handelt es sich um einen schweren Vertrauensbruch Ihnen und Ihrem Mann gegenüber. Wären Sie „Lieschen Müller“, die seit zwei Jahren um ihren Franz trauert, hätten Sie mein ganzes Mitgefühl.
 
Sie sind aber nicht Frau Müller, sondern Frau Kohl-Richter, eine Person der Öffentlichkeit, und Ihr Mann war es noch mehr. Nicht Herr Schwan hat den „Schaden für die Geschichte“ angerichtet, sondern Helmut Kohl selbst. Vielleicht kennen Sie den entlarvenden Film „Bimbes – Die schwarzen Kassen des Helmut Kohl“ von Stephan Lamby und Egmont R. Koch. Sind Sie dagegen auch gerichtlich vorgegangen?
 
Sie schreiben in Ihrem Brief viel von Ehre und Würde, Recht und Gerechtigkeit. Als Historiker und Journalist, der viel über den Politiker Helmut Kohl gelesen hat, stößt mir das merkwürdig auf.
 
Es geht mit keinesfalls um ein „Zahn um Zahn“-Prinzip. Es steht mir überhaupt nicht an, Sie in eine Büßer-Rolle zu drängen. Ich finde nur, Sie könnten das ganze Thema entspannter sehen. Konstruktiver. Eben nicht so, wie es Helmut Kohl gesehen hat. Manchmal muss man einen Menschen noch im Tod vor sich selbst schützen.

Martin Rupps
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