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Tatortbegehung – Mehr als 70 Jahre danach

19.02.2018, von

Porträtfotos aus Ausweisen von SS-Wachmännern aus dem KZ Stutthof

SS-Wachmänner KZ Stutthof (Quelle: SWR)

Es ist ihre letzte Chance, NS-Verbrecher hinter Gitter zu bringen: Bundesweit laufen bei Staatsanwaltschaften die Ermittlungen gegen die letzten lebenden Nazi-Verbrecher. Nur noch wenige, die in den Konzentrationslagern Aufseher waren, sind heute noch am Leben und können vor Gericht gebracht werden.

Doch wie ermittelt man das 70 Jahre nach Kriegsende? Dieser Frage bin ich mit Christian H. Schulz für den Film Story im Ersten: Hitlers letzte Mordgehilfen? nachgegangen. Wir haben dafür ein Jahr lang deutsche Staatsanwälte und Kriminalbeamte von der Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg und der Staatsanwaltschaft Dortmund bei ihrer schwierigen Suche begleitet.

 

Was sah ein SS-Wachmann vom Turm?

Kriminalhauptkommissar Willms auf dem Geländer der Gedenkstätte Stutthof

Kriminalhauptkommissar Willms, LKA NRW (Quelle: SWR)

Wir waren unter anderem mit Kriminalhauptkommissar Stefan Willms vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen im ehemaligen Konzentrationslager Stutthof bei Danzig in Polen. Stefan Willms hat Beweise und Indizien im Archiv der Gedenkstätte gesucht. Außerdem hat er sich ein Bild von dem Gelände gemacht.

Kriminalhauptkommissar Willms vom LKA Düsseldorf steht vor dem Haupttor des ehemaligen KZ Stutthof

Stefan Willms vor dem so genannten Todestor in Stutthof (Quelle: SWR)

Auch für uns Journalisten war es wichtig, das ehemalige KZ mit eigenen Augen zu sehen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was ein SS-Wachmann vom Lagergeschehen mitbekommen haben konnte. Stefan Willms hat bei seiner Recherche unter anderem auf die Ergebnisse polnischer Kollegen zurückgegriffen. Diese haben z.B. die Größe des alten, ursprünglichen Lagers, aber auch des Neuen Lagers, das sogenannte Judenlager, vermessen. Sie haben außerdem rekonstruiert, wo genau die Wachtürme standen. Neu angefertigte Fotos von den Türmen sollen die Blickwinkel und Sichtachsen nachvollziehbar machen, die die damaligen Wachleute hatten. 

 

 

Dimensionen klar machen

Doch wie zeigt man das im Fernsehen? Wir wollten in unserem Film einen Überblick über das Gelände geben und eigentlich auch die Sicht von einem der Wachtürme zeigen. Allerdings durften wir in Stutthof nicht von einem Wachturm aus drehen – viele Gedenkstätten wollen nicht, dass die Täterperspektive eingenommen werden kann. Da es aber in unserem Film gerade darum ging, haben wir diese Aufnahmen mit einer Kameradrohne gemacht. Ich bin überrascht, wie beeindruckend und bedrückend zugleich die Bilder sind. Der Rundflug um einen der Wachtürme der am Rande des alten Lagers steht, macht klar: Von hier aus konnte ein Wachmann das Lagergeschehen beobachten und er hatte einen guten Blick auf den Schornstein des Krematoriums. Da ich selbst vor Ort war, fällt es mir schwer zu glauben, dass man in diesem übervollen Lager nichts gesehen oder, etwa bei der Verbrennung der Leichen im Krematorium, nichts gerochen haben will.

 

Eindrucksvoll finde ich auch die Vogelperspektive: Umgeben von Wald, die Ostsee am Horizont, zeigt der Überflug unserer Kameradrohne die Dimension dieses verhältnismäßig kleinen Konzentrationslagers.

 

 

Links vom steinernen Hauptgebäude, der Kommandantur, steht das Haupttor des Lagers, das so genannte Todestor. Weiter daneben beginnt das Neue Lager. Dort waren hauptsächlich jüdischen Gefangene untergebracht. Heute erinnern nur noch weiße Stehlen daran, wo genau die Baracken der Häftlinge standen.

 

 

Diese Bilder verwenden wir im Film. Hier möchte ich sie in einer längeren Ausführung zeigen, denn das Konzentrationslager Stutthof war zwar ein kleines Lager, dennoch wurde dort massenhaft gestorben. Die längeren Aufnahmen mit der Kameradrohne lassen erahnen, wie das Lager aufgebaut und in seine Umgebung eingebettet war.  

 

 

Kleines Lager mit vielen Toten

Das Konzentrationslager Stutthof war seit 1939 zunächst ein Arbeitslager. Erst nach einem Besuch des SS-Reichsführers Heinrich Himmler 1941 erhielt Stutthof den offiziellen Status Konzentrationslager. Ab Mitte 1944 stiegen die Häftlingszahlen massiv, da Stutthof zum Transitlager aus weiter im Osten liegenden Ghettos wurde, denn die Rote Armee rückte immer weiter vor. Vor allem Juden wurden nach Stutthof deportiert. Schnell war das KZ Stutthof hoffnungslos überfüllt und die SS begann mit systematischen Mordaktionen, um Platz zu schaffen.

Das spielt für die Ermittler wie Kriminalhauptkommissar Stefan Willms in einem möglichen Prozess eine wichtige Rolle. Den Beschuldigten muss nachgewiesen werden, dass sie zu einer Zeit im Lager tätig waren, als systematisch Menschen ermordet wurden.

Rund 65.000-80.000 Menschen kamen hier in der gesamten Lagerzeit ums Leben, genau weiß man das nicht. Viele Unterlagen zum KZ Stutthof wurden zerstört. Klar ist aber, 2.100 Wachmänner haben das Geschehen bewacht oder waren am massenhaften Sterben direkt beteiligt.

Tipp: Im SWR2 Feature Der Staatsanwalt: Auf der Spur der letzten NS-Verbrecher schildere ich meine Begegnung mit einem früheren SS-Wachmann, der in Stutthof tätig war und beschäftige mich mit der Frage, nach dem Sinn einer späten Strafverfolgung. 

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