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Gaffer sind keine Monster

18.09.2017, von

Gaffer filmte einen sterbenden Motorradfahrer. (Foto: dpa)

Nach dem tödlichen Motorradunfall in Heidenheim sucht die Polizei den Gaffer, der den sterbenden Motorradfahrer mit seinem Handy gefilmt haben soll, statt zu helfen. Wohlgemerkt: Noch hat kein Gericht über den Fall befunden und es handelt sich zur Zeit um eine polizeiliche Darstellung. Ich denke: Der junge Mann, der  den Sterbenden  gefilmt haben soll, ohne ihm zu helfen, ist kein Monster. Er soll weitergefilmt haben und auch noch den Notarzt am Unfallort bei der Arbeit behindert haben. Ein junger Mann 20 – 25 Jahre alt. Er ist kein Monster, ich bin mir da ziemlich sicher.

Sein Verhalten spricht von Gefühlskälte, es ist nicht entschuldbar. Ein Motorradfahrer liegt in seinem Blut, lebt noch, braucht Hilfe – und da zückt der junge Mann sein Handy, filmt, postet die dramatischen Szenen vermutlich gleich in den sozialen Netzwerken.

Was geht da vor?

Ist es das vielleicht: Etwas passiert, etwas so Spektakuläres, so Dramatisches, wie der junge Mann es vermutlich noch nie in seinem langweiligem Leben erlebt hat. Jetzt ist er plötzlich Teil eines Lebensmomentes mit einem so  extremen Pegelausschlag, wie er es in seinem Alltag oft phantasiert hat. Mittendrin und doch nicht in Gefahr. Herausgehoben in die Einzigartigkeit, es geht um Leben und Tod. „Der Tod und ich – ich hab ihn gesehen, ich war ganz nahe  dran – kein Film, kein Videogame.“

Kann es nicht sein, dass da in manchen Menschen solche inneren Bilder, solche Abläufe wirkmächtig Platz greifen? Ich vermute es. Ich glaube nicht an die vordergründige Zuweisung: Das kann nur ein gefühlskalter, sensationsgieriger, abgestumpfter Mensch machen – andere Menschen in Not filmen ohne zu helfen, Rettungskräfte behindern.

Inszenierung und Wirklichkeit

Ich glaube, diese Fälle offenbaren in ihrer Tiefe vielleicht die Sehnsucht nach Dramatik, nach Wichtigkeit, nach Anerkennung. Ich denke, sie offenbaren auch, wie immer häufiger das reale Leben und auch die Bedrohung des realen Lebens mit Fiktion, mit Filmen, mit Videos überlagert werden. Kann unser Gehirn wirklich trennscharf und dauerhaft verarbeiten, was zu welcher Realtität gehört? In dem Moment, in dem das Smartphone bei schweren Unfällen gezückt und gefilmt wird, ist man vielleicht Teil der Inszenierung, in der Hoffnung auf anerkennende Reaktionen in sozialen Netzwerken, im Wissen, endlich etwas Einzigartiges erlebt zu haben und das festhalten zu wollen.

Flucht aus der Langeweiel?

Sind das Monster? Ich kenne einen Mann, der seit Jahrzehnten jeder Feuerwehrsirene in seinem näheren Umfeld folgt und sich in sein Auto setzt, um schnell am Einsatzort zu sein und möglichst nah die Dramatik dort  aufzusaugen. Er ist ein Mann mit einem großen Herzen, ein empfindsamer Mann, Familienvater – aber: Er ist ein Mann mit einem langweilig empfunden Leben im Alltagseinerlei.

Ich fürchte, er würde auch eher filmen als helfen.

 

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