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Von Estland lernen!

30.06.2017, von

Ostseemaskottchen mit Tallins Rathausturm im Hintergrund (Foto: Kai Laufen)

Ostseemaskottchen mit Tallins Rathausturm im Hintergrund (Foto: Kai Laufen)

Warum haben wir Deutsche eigentlich im Ausland den Ruf ein wenig dröge, trocken und humorlos zu sein? Zwei Veranstaltungen, die ich in den vergangenen Wochen besuchen durfte, haben mir die Gründe mal wieder deutlich werden lassen…Zunächst ging es zum 15. Deutschen IT-Sicherheitskongress. Eingeladen hatte das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI), also die höchste staatliche Stelle in Sachen Cybersicherheit und zwar in die Stadthalle Bonn-Bad Godesberg. Wer sich für die Geschichte der Alten Bundesrepublik interessiert, wird hier bestens bedient, schließlich hat sich in diesen Hallen einstmals die SPD vom Sozialismus verabschiedet.  Das war 1959 und seitdem ist nicht viel geschehen, die Halle steht unter Denkmalschutz. Und so hockt man also in holzvertäfelten Sälen unter Glühbirnen-Leuchtern und lauscht im historischen Ambiente Vorträgen über „Quantencomputer als Herausforderung für die Informationssicherheit“ oder Risikobeurteilung in der IT-Sicherheit Kritischer Infrastrukturen“. Es sind hochrelevante Themen, die von den besten Forschern des Landes vorgestellt werden. Das Kongressprogramm macht deutlich, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung durchaus viel zu bieten hat – aber kein Glamour, kein Entertainment, kein Hype, wie sonst in der IT-Branche üblich. Einen kreuzbraven Abendempfang gab es, ansonsten nur warmes Mittagessen und Kaffee in den Gängen des historischen Bad Godesberger Stadthalle. Ob ein bisschen Spaß und Action im Weltbild deutscher Leitkulturträger wohl im Widerspruch zu Professionalität, Zuverlässigkeit und Ingenieurskunst stehen würden?

In Estland sieht man das ganz anders!

Heldengedenken: Die Estnische Armee lässt seit dem NATO-Beitritt so gut wie keinen gemeinsamen Einsatz aus (Foto: Kai Laufen)

Heldengedenken: Die Estnische Armee lässt seit dem NATO-Beitritt so gut wie keinen gemeinsamen Einsatz aus (Foto: Kai Laufen)

Der zweite Ausflug in die Welt der Cyberpioniere führte mich nach Tallinn, ehemals Hansestadt Reval. Im Jahr 2007 schaffte es das kleine Land in Nordeuropa in die Weltpresse. Nach Protesten der russischstämmigen Bevölkerung gegen die Verlegung eines Kriegerdenkmals von der Innenstadt auf einen Militärfriedhof kam es zu massiven DDOS-Attacken auf die damals schon beachtlich weit ausgebaute IT-Infrastruktur des Landes. Als direkte Antwort darauf, gründete die NATO im folgenden Jahr an Ort und Stelle den Think Tank „Cooperative Cyber Defence Center of Excellence“ und der veranstaltete im Juni bereits zum Neunten Mal die „International Conference on Cyber Conflict CyCon“ – und was sich da an schicken Uniformen, Bandschnallen, sonnenbebrillten Geheimdienstleuten und peppigen Business-Kostüm-Trägerinnen im noblen Swissotel tummelte! Die Show – nein: Der Kongreß – begann denn auch mit einem fulminanten Auftritt einer A-Cappella-Gruppe, der sofort getoppt wurde durch die beeindruckende Begrüßungsrede von Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid:

Beherzter Vortrag: Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid erföffnet die CyCon 2017 (Foto: NATO CCD COE/Kristi Kamenik)

Beherzter Vortrag: Estlands Präsidentin Kersti Kaljulaid erföffnet die CyCon 2017 (Foto: NATO CCD COE/Kristi Kamenik)

Die sportlich durchtrainierte vierfache Mutter sprach perfektes IT-Kauderwelsch in perfektem Englisch und kündigte für die anstehende EU-Ratspräsidentschaft ihres Landes einen Schwerpunkt auf IT-Sicherheit an – und da können wir wirklich was erwarten, schließlich hat die Regierung in Tallinn nach der Erfahrung vor zehn Jahren die komplette IT-Infrastruktur des Landes auf Spiegelserver weltweit gepackt und dadurch unangreifbar gemacht, so dass das Land nunmehr von jedem Ort der Welt aus regierbar wäre…soll der Russe doch kommen!

Eine bestens vorbereitete Moderatorin – kein Medienprofi, sondern eine Mitarbeiterin des NATO-Think-Tanks CCDCOE – führte durch das Programm und kündigte einen Promi nach dem anderen an: Carl Bildt, frühere Ministerpräsident Schwedens und Vorsitzender einer internationalen Kommission zur Zukunft des Internets; Admiral Michelle Howard, immerhin die Chefin der US-Marine in Europa oder auch Generalleutnant Ludwig Leinhos,

Generalleutnant Ludwig Leinhos, Inspekteur des Cyber- und Informationsraums (CIR) der Bundeswehr (links) im Gespräch mit Admiral Michelle Howard (r) (Foto: Kai Laufen)

Generalleutnant Ludwig Leinhos, Inspekteur des Cyber- und Informationsraums (CIR) der Bundeswehr (links) im Gespräch mit Admiral Michelle Howard (r) (Foto: Kai Laufen)

dem als frisch gebackenen ersten „Inspekteur des Cyber- und Informationsraums (CIR)“ bald 13.500 Bundeswehrsoldaten unterstehen werden und dem in Tallinn einige Aufmerksamkeit zu Teil wurde. Endlich machen „the Germans“ auch mal was in Sachen Cyber!

Soweit der Pflichtteil…

…nun zur Kür: Für den ersten Abend hatten die Veranstalter einen ehemaligen Busbahnhof angemietet, der zur hippen Location umgebaut wurde: Icebreaker stand auf dem Programm und das bezog sich nicht auf die frischen Temperaturen um die 12 Grad. Jeder quatscht mit jedem und das sofort per du – sogar der Mann, der so oft wiederholte, dass er eigentlich gar nicht da sei und bitte niemand ein Foto machen solle, bis auch wirklich jeder kapiert hatte, dass er wohl zum BND gehörte. Trotz des reichlichen und kostenlosen Alkoholangebotes ging es am nächsten morgen pünktlich weiter mit Vorträgen und Diskussionen auf beachtlichem Niveau. Das Abendprogramm bestand aus einer ausgiebigen Stadtführung für nahezu alle 600 Teilnehmer, aufgeteilt in vielen Gruppen – Erkenntnisgewinn: Tallinn ist eine Reise wert! Am folgenden Abend aber übertrafen sich die NATO-Gastgeber mit der Einladung zur Abschlussveranstaltung in den

Ein Besuch wert: Das Seefahrtsmuseum im ehemaligen Wasserflugzeughangar (Foto: NATO CCD COE/Kristi Kamenik)

Ein Besuch wert: Das Seefahrtsmuseum im ehemaligen Wasserflugzeughangar (Foto: NATO CCD COE/Kristi Kamenik)

Hangar des ehemaligen Wasserflugzeughafens, der zu einem Marinemuseum umgebaut wurde: Köstliches Buffet in spannender Umgebung, mit Saxophon und nochmals A-Cappella-Chor garniert – perfekt!

Fazit #1: Die Esten sind geschickt darin, sich und ihre feine Hauptstadt ordentlich in Szene zu setzen und das schafft eine gute, fast familiäre Atmosphäre.

Fazit #2: Die NATO ist vorwiegend eine Organisation demokratisch regierter Staaten (türkisches Militär habe ich nicht gesehen…) und hält auch abweichende Meinungen aus, ja, lädt sie sogar extra ein!

Fazit #3 und 4: Was ich aus all den vielen Vorträgen, Kaffee-Gesprächen und Interviews aus Tallinn mitgebracht habe, ist hier nachzuhören. Und auch der weniger glamouröse, aber ebenso informative BSI-Kongress fand Niederschlag im SWR-Programm.

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