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Zwieback in rotem Kleid

04.04.2017, von

Martin Rupps meint...

Martin Rupps meint… (Foto: SWR)

Je mehr wichtige Leute zusammenkommen, desto weniger wichtig ist der Termin.

Für morgen hat Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries den neuen starken Mann bei Opel, PSA-Chef Carlos Tavares, zum Gespräch gebeten. Mit am Tisch sitzen die Länderchefin und Länderchefs der drei deutschen Opel-Werke, Gewerkschaftsvertreter und Mitglieder des Opel-Managements.

Die Damen und Herren haben Stillschweigen über den Termin vereinbart. Schade. Ich freute mich schon zu hören, das Gespräch sei „vertrauensvoll und offen“ gewesen. Opel sei „auf einem guten Weg“. Oder: „Ich bin sehr froh, dass die Marke erhalten bleibt und die Standorte gesichert sind.“

Die Politiker tun morgen ausnahmsweise nicht, was sie seit Bekanntwerden des Opel-Verkaufs schon immer tun: Sie legen Zwieback in eine Schachtel „Ferrero Küsschen“ und verkaufen sie als „Mon Chéri“.

Die Angst, dass bei einem Firmenverkauf Marken zerschlagen und Standorte geschlossen werden, ist verständlich und sehr ernst zu nehmen. Aber wenn es nicht dazu kommt (wonach es keinen Tag aussah), bedeutet das keinen politischen Erfolg einer Bundeswirtschaftsministerin oder einer Ministerpräsidentin, sondern folgt der Unternehmensstrategie des neuen Eigentümers. Er muss mit spitzem Stift rechnen, nicht Frau Zypries.

Zumal die PSA-Zusagen tatsächlich nicht mehr als Zwieback sind, denn zuletzt war von einer Beschäftigungsgarantie bis Ende 2018 die Rede. Der Opel-Verkauf wird erst zum Jahresende juristisch abgewickelt sein – bleiben also zwölf Monate, in denen die Arbeitsplätze der Opelaner nicht zur Debatte stehen.

Carlos Tavares wird, wenn die Hochzeitsfeier verklungen ist, über „Anschlussregelungen“ verhandeln, sprich eben doch über Arbeitsplätze und Standorte. Er hat Opel nicht aus Liebe zu einer Traditionsmarke gekauft, sondern um damit Geld zu verdienen. Der neue Eigentümer sitzt in Paris und nicht in Detroit. PSA wird Opel viel mehr Aufmerksamkeit widmen als General Motors – was auch heissen kann: in den Würgegriff.

Ich fände es ehrlicher und redlicher, wenn Politiker nicht einfach gut Wetter machen, sondern auf Risiken hinweisen und zur Wachsamkeit mahnen.

Ein Zwieback gehört in eine orangene, keine rote Verpackung.

Martin Rupps
Chefredaktion Nachrichten und Distribution

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