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Propaganda mit Bekenntnis

03.01.2017, von

Beschädigter LKW nach Anschlag auf Weihnachtsmarkt in Berlin. Quelle: dpa

Beschädigter LKW nach Anschlag auf Weihnachtsmarkt in Berlin. Quelle: dpa

Der brutale Kampf des sogenannten „Islamischen Staates“ (IS) findet an allen Fronten statt, mit allen Mitteln – auch mit denen der Sprache. Ich denke, wir sollten uns noch mehr davor hüten, der perfiden und oft äußerst subtilen Propaganda nach Terroranschlägen auf den Leim zu gehen. Meist geschieht das, ohne das wir es merken. Auf einen Anschlag folgt in der Berichterstattung mehr oder weniger schnell das „Bekenntnis“ des „IS“, dass der oder die Attentäter im Auftrag oder in Absprache getötet hätten. Was heißt das? Im Grunde wird ein tödliches Verbrechen damit vom „IS“ für sich beansprucht. Es wird für sich reklamiert, es wird mit Toten und Verletzten Reklame gemacht für diesen sogenannten „Islamischen Staat“.

Worte haben mehr als eine Ebene

Was mir aufstößt ist das Wort „bekennen“, das wir Journalisten da so schnell setzen und/oder übernehmen. Worte sind mehr als die Aneinanderreihung von Buchstaben. Immer schwingem viele Ebenen mit. Mir geht es oft so, dass ich bei dem Wort „bekennen“ an Schuldeingeständnis denke, moralische Kategorienen aufleuchten wie beim „Fehler bekennen“; auch das christliche Glaubensbekenntnis aus dem Kommunionsunterricht vor Jahrzehnten blinkt bei mir dann auf. Gelöbnis und Bekenntnis – ein Paar, das oft Hand in Hand und eine erhabene Dimension bedient.

Reklamieren und beanspruchen

Bekenntnisse zu Terroranschlägen sind nichts Neues, ich weiß noch, wie ich in den 1970er Jahren als junger Journalist die RAF-Erklärungen unreflektiert als „Bekenntnisse“ zu mörderischen Verbrechen verbucht und so auch etikettiert habe. Vielleicht hätte ich schon vor Jahrzehnten mal kurz innehalten und über die Wirkung des Wortes Bekenntnis sinnieren sollen. Aber es ist ja nie zu spät. Keiner von uns will, dass mit einem Terroranschlag Werbung gemacht wird. Ich denke, andere Formulierungen als das „Bekennt sich zu“ besser geeignet sein können und uns weniger in die Propaganda-Falle tappen lassen. Kluge Kollegen haben es demonstriert. Da hieß es in Online-Artikeln und Zeitungsmeldungen: Der „IS“ reklamiert…für sich oder „IS“ beansprucht Anschlag von …für sich.

 

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