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Kommentar: Sexismus der Fake-News

13.12.2016, von

Gefälschtes Posting zum Freiburger Mordfall: Das Facebook-Profil der angeblichen Autorin ist komplett leer, den "Flüchtlingsverein Freiburg" gibt es nicht, wohl aber eine Facebook-Gruppe "Flüchtlingshilfe Freiburg", die mit Hass und Häme überschüttet wurde.

Gefälschtes Posting zum Freiburger Mordfall: Das Facebook-Profil der angeblichen Autorin ist komplett leer, den „Flüchtlingsverein Freiburg“ gibt es nicht, wohl aber eine Facebook-Gruppe „Flüchtlingshilfe Freiburg“, die mit Hass und Häme überschüttet wurde.

„Der traumatisierte junge Flüchtling hat zwar getötet, man muss ihm aber jetzt trotzdem helfen.“ – diesen Satz hat Renate Künast nie gesagt und er stand auch nie in der Süddeutschen Zeitung. Ein noch unbekannter Facebook-Nutzer hatte dies behauptet und die nachvollziehbare Empörung der Grünen-Politikerin über diese Verleumdung hat die Diskussion um Fake-News befeuert. Es ist nur ein Fall von vielen und fast alle haben sie etwas gemeinsam: Sexismus.

Klar, Renate Künast zum Opfer einer Verleumdungskampagne zu machen, war naheliegend: Schließlich war die Grünen-Politikerin mit einem ungeschickten Tweet aufgefallen, als in Bayern ein afghanischstämmiger Asylbewerber eine Familie in einem Zug mit einer Axt angegriffen hatte und dann von einem Polizisten erschossen worden war. Was Künast per Twitter bedauerte. Der Rechtsausleger der Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, nannte sie eine „parlamentarische Klugscheißerin“. Dass Künast nur forderte, was der Rechtsstaat ohnehin leisten muss, nämlich eine Untersuchung nach einem solchen Schusswechsel – geschenkt. Die Grüne war vorbelastet und diese Vorgeschichte war der perfekte Teppich, auf dem der oder die Fälscher nun ihre aktuelle Kampagne, in der ihr ein pathologisches Verständnis für Schwerkriminelle untergeschoben wurde, ausrollen konnten. Ein Schelm, wer glaubt, dahinter stecke nicht Methode!

Schon zuvor gab es Fake-News zu dem Freiburger Mord

Auch eine weitere Fälschung im Zusammenhang mit dem Mord in Freiburg – siehe vorherigen Eintrag – weist ein solches hohes Niveau auf: Ein gefälschtes Facebook-Posting, in dem eine angebliche Bekannte des Opfers behauptet, Maria L. habe ein heimliches Verhältnis mit dem Tatverdächtigen gehabt, bei einem nächtlichen Treffen sei es zu einem Unfall gekommen, der Flüchtling habe sich aber nicht getraut, dies der Polizei zu melden. Die Häme, mit der die – nicht existierende – Flüchtlingsversteherin in rechten Internetkreisen überzogen wird, ist gnadenlos.

Perfide Kampagnen

Die Fake-News-Kampagnen, die in Deutschland im Zuge der Flüchtlingskrise und in den USA im Zuge des schmutzigsten Wahlkampf aller Zeiten aufkamen, sind nicht immer, aber sehr oft von dieser Qualität: Psychologisch perfide, wohlüberlegt im Timing, hintertrieben in der technischen Ausführung – aber eines befördert die Wahrnehmung und Weiterverteilung dieser Schmutzkampagnen noch: Der allgemeine Sexismus in unserer Gesellschaft. Denn es fällt auf, dass bei den genannten Beispielen letztlich ebenso Frauen die Opfer sind, wie es auch im US-Wahlkampf eine Frau war, die von Emailaffaire bis Pizzagate mit Fake-News überzogen wurde.

Frauen sind oft die Opfer

Hillary Clinton und Renate Künast lassen sich in einer Kette solcher Kampagnen einreihen, die Frauen Naivität, Blödheit oder ganz allgemein komplette Inkompetenz unterstellen. Und an dieser Grundlage für das Funktionieren von Fake-News-Kampagnen sind nicht die Russen und nicht die rechten Hetzer allein schuld. Diese Grundlage haben wir, hat unsere Gesellschaft geschaffen und nur wir können und müssen sie auch verändern.

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