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Fakten zur postfaktischen Welt

09.12.2016, von

Dies ist eine Version der gefälschten Meldung, es kurieren noch mindestens eine andere, in der der Bezug zu FAZ und Tagesschau fehlt. Wer die Nutzungsrechte beansprucht, möge sich bitte melden.

Dies ist eine Version der gefälschten Meldung, es kurieren noch mindestens eine andere, in der der Bezug zu FAZ und Tagesschau fehlt. Wer die Nutzungsrechte beansprucht, möge sich bitte melden.

Postfaktisch“ ist das Wort des Jahres – nicht nur in Deutschland: Auch die Redaktion des englischen Oxford Dictionary hatte „post-truth“ gewählt. Ein anschauliches Beispiel dafür, wie und warum sich „gefühlte Wahrheiten“ im Internet so gut verbreiten habe ich gestern recherchiert. Im Rahmen einer Recherche in rechtspopulistischen und rechtsextremen Facebook-Gruppen war mit ein Posting aufgefallen, das dort mit üblen, hämischen Kommentaren verbreitet wurde: Der Screenshot eines Facebook-Postings einer gewissen Natascha Victoria (wobei in manchen Versionen der zweiten Name geschwärzt war, wohl um die “gefühlte Authentizität“ zu steigern, in dem man einen Schutz der Person vorgibt.). Die vermeintliche Autorin behauptet: „Wir vom Flüchtlingsverein Freiburg haben bereits vielen Medien unsere Ansicht mitgeteilt, aber das wird wohl nicht gerne gehört. Der Flüchtling und Maria kannten sich vermutlich schon und haben sich heimlich Abends getroffen, weil die Familie nicht eingeweiht werden sollte.“ Die beiden hätten sich in der Tatnacht heimlich am Ufer der Dreisam getroffen, „und dann halt das gemacht, was junge Menschen machen, Liebe.“ Dann habe sich Maria im Fluss waschen wollen, sei ausgerutscht und ertrunken, ihr Liebhaber aber habe sich als Ausländer nicht getraut, zur Polizei zu gehen.

Postfaktische Beschimpfung – post mortem…

Eine hanebüchene Geschichte (die ich im SWR aufgeklärt habe), für die sich nirgends eine Bestätigung findet und eine zynische postmortale Beschimpfung des Opfers, denn seine ganze Wirkung entfaltet die Fälschung vor dem Hintergrund, dass Maria L. tatsächlich in einer Facebookgruppe „Flüchtlingshilfe Freiburg“ Mitglied war – so wie der Tatverdächtige auch. Die Polizei hat aber keine Hinweise gefunden, dass Opfer und Tatverdächtiger sich dort oder sonstwo kennen gelernt hatten. Dennoch wird dieser Fake hundertfach geteilt und höhnisch kommentiert: „Die ist auch so eine Hohlbirne die sich wenn man sie vergewaltigt danach auch noch entschuldigt. Unfassbar. Und sowas geniesst Wahlrecht“ (Orthographie im Original)

kommentar-meissner

beschwert sich jemand. Eine anderer geht einen Schritt weiter und droht indirekt der vermeintlichen Autorin mit Vergewaltigung (auch wenn die Drohung logisch schief geht):  „Habe ja gehört: Wer einmal vergewaltigt wurde, hat beim 2. Mal schon weniger Probleme.“

kommentar-brudy

Und ein Kommentator analysiert die Einstellung der vermeintlichen Flüchtlingshelferin Natascha Victoria: „Teile der Evolution wurden bei diesen Menschen außer Betrieb gesetzt, auch das ein Vorsatz des Bildungswesens. Welche Rolle hierbei die Erziehung gespielt hat mag ich weder beurteilen noch hinterfragen.“

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Die Facebook-Chroniken von Leuten, die so aggressiv wie selbstsicher kommentieren sind oft voll von „postfaktischen“ Meldungen und das hat System: In einer postfaktischen Epoche zu leben  bedeutet, von Leuten umgeben zu sein, die permanent sogenannte „Bestätigungsfehler“ (confirmation bias) machen, in dem sie aus der Summe aller Informationen die für sie unpassenden oder unbequemen soweit herausfiltern, dass sie nur Informationen wahrnehmen, die die eigenen Erwartungen bestätigen. Ein Fehler, den jeder mehr oder minder stark begeht, der aber durch die Algorithmen der Sozialen Medien massiv unterstützt wird: Diese verdienen Geld durch Klicks und da die Algorithmen von der Macht der Bestätigungsfehler „wissen“, spülen sie Meldungen, die solches Potenzial haben, besonders oft in die Timeline. Ausführlich erklärt das Phänomen der Journalistik-Promovent Gerret von Nordheim auf den Seiten des European Journalism Observatory.

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