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Kita Mainz: Die Geschichte zum Skandal hinter dem Skandal

20.04.2016, von

Klingel der Kita Maria Königin in Mainz

Klingel der Kita Maria Königin in Mainz

Vor einem halben Jahr: Meine kleine Tochter schläft im Kinderwagen – und ich sitze in meinem Lieblingscafé und ärgere mich: Ärgere mich, dass ich in Elternzeit bin. Denn die Geschichte, die ich, während das Kind schläft, im ZEIT Magazin lese, wollte eigentlich ich erzählen.

Heute habe ich sie erzählt. Mit neuen Aspekten. Das kam so:


Es geht um den Mainzer „Kita-Skandal“. Ich war schon nicht mehr in der Redaktion, als er plötzlich über Mainz herein brach: Kinder sollten andere Kinder sexuell missbraucht und gequält haben, über Monate hinweg. Der Vertreter des Bischofs spricht auf einer Pressekonferenz von „Perversitäten sexueller Gewalt“. Am Pranger stehen die Erzieherinnen, die davon gewusst, es zumindest nicht verhindert haben sollen. Die Kirche spricht öffentlich von einem „Kartell des Schweigens“, das sie gebildet hätten. Es geht um die Frage, ob sie ihre Aufsichts- und Fürsorgepflicht verletzt haben. Noch bevor sie die Staatsanwaltschaft einschaltet, entlässt die Kirche alle Erzieherinnen fristlos. Auf Verdacht.

Eine Medienhysterie bricht los, Zeitungen nennen den Mainzer Kindergarten nur noch die „Horror-Kita“, oder wahlweise die „Skandal-Kita“ – überall lese ich darüber, was sich die Kinder gegenseitig angetan haben sollen: Schläge auf den Penis, eingeführte Gegenstände, Schläge, Kinder urinieren in die Puppenecke – keiner scheint daran zu zweifeln, dass das so gewesen sein musste.

Wenige Monate später kommt die für alle überraschende Wende: Die Mainzer Staatsanwaltschaft gibt einen Zwischenbericht heraus und schreibt, es haben sich überwiegend entlastende Erkenntnisse ergeben, die Vorwürfe können so nicht bestätigt werden. Der Skandal nach dem Skandal ist da: „Irre Wende“, findet die BILD-Zeitung.

Weitere zwei Monate später werde ich wieder in der Redaktion sein. Ich nehme mir vor, dann zu recherchieren. Weil ich diesen Skandal verstehen will. Ich will wissen, wie das sein kann, dass aus einem Mega-Skandal plötzlich nichts wird. Ich will die Hintergründe erfahren, will nachvollziehen, wie sich monströse Vorwürfe scheinbar in Luft auflösen können. Und dann lese ich den ZEIT-Artikel – und stelle fest, dass er doch nicht alle Fragen beantwortet. Also fast alle. Ich frage bei „Reporter und Recherche“ an, ob ich mich dennoch an das Thema heran wagen kann. Und beginne mit Hintergrundgesprächen bei den Anwälten der entlassenen Erzieherinnen. Ich erfahre, dass sich das Bistum in der arbeitsrechtlichen Auseinandersetzung unnachgiebig und hart verhält. Alle Anwälte bestätigen diesen Eindruck. Die Kirche schuldet den Erzieherinnen Gehalt, Urlaubsgeld, macht schlechte Vergleichsvorschläge. Kündigt zwei Erzieherinnen ein zweites Mal, obwohl sie in erster Instanz Recht bekommen haben – und obwohl die Kirche die Strafakte kennt und an ihrem Kündigungsgrund längst zweifeln müsste.

Ein Anwalt sagt: „Das ist wie im Mittelalter – erst wollten sie die Erzieherinnen auf dem Scheiterhaufen verbrennen, und als sie gemerkt haben, es brennt nicht, haben sie sie vom Hof gejagt.“

Das Bistum hat falsch gehandelt, das wird mir immer klarer, es hat überreagiert, aus Angst. Sexueller Missbrauch, ein Thema, zu dem die Kirche größtmögliche Distanz aufbauen will, deswegen: schnell alle rausschmeißen, bevor ein Schatten auf die Kirche fällt. Darüber will die Kirche nicht reden. Mehrere Versuche schlagen fehl.

Dabei ist das nur eine Seite des Skandals, das Verhalten der Kirche gegenüber seinen Mitarbeitern. Nebenbei bemerkt: Auch der Pfarrer stand zwischenzeitlich im Mittelpunkt von Ermittlungen. Es ging um schwersten sexuellen Missbrauch. Mein Eindruck ist: Im Gegensatz zu den Mitarbeiterinnen der Kita schützt ihn seine Kirche. Als ich in den Akten lese, welche Vorwürfe gegen ihn im Raum standen, stockt mir kurz der Atem. Sie haben sich nicht bestätigt. Aber warum wurde der Geistliche „fairer“ behandelt, als die Erzieherinnen? Weil er von der gleichen Mutter beschuldigte wurde, die den ganzen Skandal ins Rollen gebracht hat – und der irgendwann keiner mehr glaubte? Und: Was sagt diese Mutter zur ganzen Situation?

Überall, auch in der ZEIT, im SPIEGEL, im STERN lese ich, sie sei verzogen, lebe nicht mehr in Mainz, wolle keine Interviews geben. Ein neuer Ansatz ist da: Sie zu finden. Und es gelingt. Sie lebt im Allgäu. Am Telefon ist sie freundlich, offen, wirkt klar. Wir vereinbaren lose ein Treffen. Ich fahre zu ihr – doch im letzten Moment macht sie einen Rückzieher. Sie erzählt mir am Telefon ihre Sicht – während ich kaum hundert Meter von ihr entfernt bin und hoffe, sie auch persönlich zu sehen. Aber die Anonymität des Telefonats scheint ihr lieber zu sein. Sie sagt, dass sie die Ermittlungsergebnisse „bedauerlich“ findet. „Nur weil die Staatsanwaltschaft sagt, da war nichts, muss das ja nicht heißen, dass da nichts war“, sagt sie mir. Ihr sei es um Kinderschutz gegangen, sie würde es immer wieder tun. Und sie überrascht mich mit einem Vergleich: Sie zieht Parallelen zum Fall Kachelmann. Was immer das bedeuten mag. Lange denke ich auf der Rückfahrt über dieses schiefe Bild nach. Sie scheint sich als Justizopfer zu sehen. Jedenfalls habe ich nun für meine Recherche tatsächlich mit allen Seiten gesprochen.

Kommentare zu „Kita Mainz: Die Geschichte zum Skandal hinter dem Skandal“

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Marlene
    schreibt am 9. Mai 2016 8:42 :

    „bevor ein Schatten auf die Kirche fehlt“ ?

    Ich kenne nur fallende Schatten; fehlende höchstens in der Causa Peter Schlemihl.

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