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Versuchte Strafvereitelung? Stuttgarter Anwalt kommt in Ulm vor Gericht

03.03.2016, von

Landgericht Ulm: Strafverteidiger angeklagt

Landgericht Ulm: Strafverteidiger angeklagt

Das Landgericht Ulm wird ab dem 04. Juli 2016 gegen einen Stuttgarter Rechtsanwalt verhandeln – weil er als Strafverteidiger illegal versucht haben soll, die Bestrafung seines Mandanten zumindest teilweise zu verhindern. Nun wird der Anwalt selbst vor Gericht stehen. Er hatte in Ulm einen jungen Mann verteidigt, der wegen versuchten Mordes angeklagt war: Er hatte sein Opfer hinterrücks mit einem Schlagstock angegriffen (wie sich später im Prozess herausstellte). Doch noch vor Prozessbeginn übergab der nun angeklagte Rechtsanwalt des Täters dem Gericht mehrere Ausdrucke von Handyfotos, die dieser vor der Tat gemacht haben will und die eine Verletzung am Kopf seines Mandanten zeigen sollen: Die Erklärung des Mandanten dazu lautete, er sei vor seiner eigenen Tat selbst vom späteren Opfer verletzt worden. Ein Umstand, der möglicherweise strafmildernd hätte wirken können. Doch zu einer Strafanzeige habe er sich nicht durchringen können, nur zu seinem Anwalt sei er gegangen. Der hätte die Fotos gemacht. Doch einige Tage später erzählten Zeugen einen ganz anderen Ablauf.

 

Zudem ergaben Ermittlungen der Polizei, dass der Täter seinen nun angeklagten Anwalt an einem ganz anderen Tag angerufen hatte – und Zeugen zweifelten an der angeblichen Verletzung des Täters. Statt dessen erzählten Bekannte des Täters eine Räubergeschichte über eine Absprache in einem McDonald’s Restaurant, bei der es um eine Falschaussage vor Gericht gegangen sein soll – und an der auch der Stuttgarter Anwalt teilgenommen hatte. Spätestens jetzt wurde das Gericht misstrauisch, auch, weil die Richter mehrfacher erfolglos nach den Originalen der Fotos fragten. Doch der Stuttgarter Rechtsanwalt fand immer neue Gründe, warum er die angeblich entlastenden Fotos dem Gericht nicht im Original vorlegen könne. Mal hieß es, die Dateien seien zu groß, dann war das Handy plötzlich das Handy der Lebensgefährtin. Und dann hieß es, leider sei das Handy inzwischen im Urlaub gestohlen worden.

Die Richter am Landgericht Ulm fanden die Sache so bedenklich, dass ein in der Praxis sehr seltenes Ausschließungsverfahren gegen den Anwalt vor dem Oberlandesgericht Stuttgart angestrengt wurde. Zu einer Entscheidung kam es nicht: Während dieser Verhandlung legte der Rechtsanwalt freiwillig sein Mandat nieder.

Fast drei Jahre sind seitdem vergangen. Lange ermittelte die Ulmer Staatsanwaltschaft in dem Fall, dann versuchte der angeschuldigte Anwalt, der inzwischen ebenfalls einen Strafverteidiger hat, mit prozessualen Anträgen ein Strafverfahren zu verhindern. Doch er blieb damit erfolglos, das Gericht eröffnete das Verfahren sogar vor dem Landgericht, obwohl der Fall zunächst „nur“ am Amtsgericht angeklagt worden war. Wenn nun ab dem 04. Juli in Ulm gegen ihn verhandelt wird, geht es nicht nur um den Vorwurf der versuchten Strafvereitelung. Für den Anwalt geht es auch um seine berufliche Existenz. Im Fall eines Schuldspruchs könnte er seine Zulassung verlieren. Sein eigener Anwalt Stefan Holoch hat dagegen den Eindruck, die Justiz wolle einen unbequemen Anwalt abstrafen.

 

Kommentare zu „Versuchte Strafvereitelung? Stuttgarter Anwalt kommt in Ulm vor Gericht“

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  1. Jenny Eckhardt
    schreibt am 2. März 2017 10:19 :

    Ich finde man sollte eine gute Beziehung zu seinem Rechtsanwalt haben. Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Rechtsanwalt eine Vertrauensperson ist. Dem Internet sei Dank wid die Suche online erleichtert.

  2. Gustav Sucher
    schreibt am 12. Oktober 2018 8:37 :

    Absprachen beim McDonald sind besonders beliebt, denn dort hat man alles auf Video. Jede Filiale ist schließlich mit Kameras ausgestattet. Ich kenne keinen McDonald der keine Kamera aufweisen kann. Danke für das Fallbeispiel.

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