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Flüchtlingsarzt: „Wissen, was Krieg heißt“

12.02.2016, von

Foto: Katja Becker

Wolfgang Heide versorgt Flüchtlinge auf der Westbalkanroute (Foto: Katja Becker)

Ab und zu ringt das Team deutscher Helfer an der serbisch-mazedonischen Grenze um Fassung. Meistens gelinge es, bei der medizinischen Versorgung ankommender Flüchtlinge professionelle Distanz zu waren, berichtet der Heidelberger Arzt Wolfgang Heide aus Preshevo. Aber manchmal seien die Helfer dann doch fassungslos. Etwa 2500 Menschen kämen jeden Tag an, die meisten kämen aus Syrien, andere aus Afghanistan. Im Interview mit SWRinfo erzählt er von einigen Schicksalen.

„Wir haben eine junge Frau gesehen, die mit Schmerzen im Bein kam – sie hatte Erfrierungen an den Beinen. Man kann sich das gar nicht vorstellen: Dieser lange Weg und eiskalt.“ Eine andere Frau sei mit ihren fünf Kindern gekommen, ihr Mann sei in Syrien erschossen worden, sagt Heide.

Oder ein Mann, der Narben an den Handgelenken hatte,  die von Handschellen und Folter zeugten. „Wir alle in Deutschland wissen kaum noch – allenfalls aus Erzählungen unserer Eltern oder Großeltern – was Krieg heißt. Diese Menschen wissen es und deshalb kommen sie zu uns.“

„Ich bin selbst ein Kind von Flüchtlingen und auch mein Vater ist damals vorausgefahren, hat geschaut, wie die Lage ist, um dann die Familie nachzuholen. Das ist ganz normal“, sagt Heide. Insofern kann der Arzt nicht nachvollziehen, dass die Bundesregierung nun den Familiennachzug von Flüchtlingen stark eingrenzen will. „Der humanitäre Gedanke lässt sowas eigentlich nicht zu, dass man sagt, wir reißen Familien auseinander und die dürfen nicht nachkommen.“

Foto: Katja Becker

Blick in eine provisorische Flüchtlingsunterkunft an der serbisch-mazedonischen Grenze (Foto: Katja Becker)

Es kämen viele Männer, aber auch Frauen, Kinder und Greise über die sogenannte Westbalkanroute, sagt Heide. Die meisten versuchten, schnell weiter nach Norden zu kommen. „Diese Menschen sind in höchster Not. Die sind schon wochenlang zum Teil unterwegs.“ Ausruhen sei auf der Flucht kaum möglich. Auch in dem Auffanglager an der serbisch-mazedonischen Grenze seien Zelte überfüllt, Schlafplätze kaum zu bekommen. „Wenn man das riecht und sieht, was da drinnen los ist, dann will man schnell weiter.“

Seit dem 7. Februar ist Wolfgang Heide in dem serbischen Ort Miratovac nahe der Stadt Preshevo für die süddeutsche Hilfsorganisation Humedica im Einsatz. Zwei Mal in der Woche – Dienstags und Freitags – berichtet er auf SWRinfo bis zum 20. Februar telefonisch von seinen Erlebnissen.

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