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Von Europol gesucht: „Mein“ mörderischer Informant!

03.02.2016, von

Jean Claude Lacote in seiner Rolle als Police-Reality-Reporter

Jean Claude Lacote in seiner Rolle als Police-Reality-Reporter

„Der mörderische Informant“ hieß mein ARD Radiofeature vom Juni 2014. Es handelt von Jean Claude Lacote, einem sehr erfolgreichen Millionen-Betrüger, der zusammen mit seiner Freundin Hilde van Acker in Belgien einen Mann ermordet hat. Wegen dieser Tat wurden beide in Brügge zur Höchststrafe verurteilt, allerdings in Abwesenheit, denn sie hatten sich mit Hilfe eines korrupten Politikers aus der Untersuchungshaft gestohlen. Dieser Tage hat nun Europol eine Liste der meistgesuchten Straftäter Europas veröffentlicht – und „mein“ Jean Claude Lacote ist dabei. Das Feature ist hier zu hören:

Absurd: Das Fahndungsfoto von Europol zeigt ihn in der Rolle als Polizeireporter.

Gesucht von der belgischen Polizei, landete er – stilsicher in einem geklauten Learjet – nach Zwischenstationen in Florida und Kanada schließlich in Südafrika. Dort freundete er sich anscheinend mit dem korrupten Polizeichef Jackie Selebi an und produzierte – obwohl schon von Interpol gesucht – eine knallharte TV-Serie über eine Spezialeinheit der Polizei: Duty Calls. Ausgerechnet das PR-Foto dieser Sendung wird nun für die Fahndung von Europol benutzt! Ebenso merkwürdig: Für den Mord wurde seine Komplizin Hilde van Acker ebenso verurteilt – warum also veröffentlicht die Polizei nicht auch ein Fahndungsfoto von ihr?

Der Anlass, diese Geschichte zu recherchieren, hatte sich aus der belgischen Mordanklage ergeben, einem 150-Seiten-Schriftsatz auf Flämisch. Darin las ich schier Unglaubliches:

Mr. Baudry war nur einer von vielen Aliasnamen, die Lacote gleichzeitig benutzte

Mr. Baudry war nur einer von vielen Aliasnamen, die Lacote gleichzeitig benutzte

Lacote hat über zehn Jahre lang eine enge Freundschaft mit einem Karlsruher Zollkriminalbeamten gepflegt, der ihn als V-Mann führte. V wie Vorteile möchte man sagen, denn der Betrüger und spätere Mörder hatte Zugang zu einer konspirativen Wohnung in Karlsruhe, seine ergaunerten Ferraris hatten Karlsruher Kennzeichen und er besaß offenbar auch falsche Ausweispapiere – all das, weil er angeblich als V-Mann wertvolle Informationen an seinen Freund den Zöllner weitergab, der damals bei der Drogenfahndung arbeitete. Einen der vielen Aliasnamen aus dieser Zeit fanden wir unter einer Anzeige in der F.A.Z., mit der er neue Opfer geködert hat: Mr. Baudry. Statt als V-Mann in der Drogenszene „arbeitete“ Lacote in dieser Zeit in Wirklichkeit als Betrüger. Seine Masche war es, Leute mit Schwarzgeld zu angeblich lukrativen Investition zu überreden und sie dann um ihren Eigenkapitalnachweis zu betrügen.

Auch fast zwanzig Jahre nach den Mordermittlungen waren die beiden belgischen Polizisten, die mich in der Nähe von Brügge zum damaligen Tatort geführt haben, noch richtig sauer auf den Karlsruher Beamten:

Heirat unter Palmen

Heirat unter Palmen

Vor allem, weil sie erfahren hatten, dass der Mann sogar noch nach den Moderermittlungen als Privatmann nach Florida gereist war um dort den Trauzeugen für Lacote und van Acker abzugeben, anstatt die belgische Polizei zu informieren. Strafrechtlich war der Zollkriminalbeamte dennoch nicht zu belangen, die Aktion fällt in eine Zeit, in der der korrekte Umgang mit V-Leuten noch sehr viel schlechter geregelt war als heute. Allerdings musste der Beamte den spannenden Posten bei den Drogenfahndern aufgeben und wurde in die ungeliebte Abteilung der Zigarettenschmuggler versetzt…

Die ganze „Erfolgsgeschichte“ des Jean Claude Lacote ist ein Lehrstück darüber, wie Geld zu Geld findet und dabei die Grenzen von legal und illegal verwischen. Milliarden von Schwarzgeld aus Steuerhinterziehungen wollen angelegt und gewaschen werden. Während Lacote sich auf diese Klientel spezialisierte, betraf ihn das Problem der Geldwäsche letztlich auch selber. Ein spannender Nebenaspekt spielt daher an einer „feinen“ Adresse in Singen am Bodensee: Ein exklusiver Auto Salon, den Lacote erfolgreich zur Geldwäsche genutzt hat, so sah es jedenfalls die französische Justiz. „L’enquete a démontré que le garage n‘était qu’une vaste machine à blanchir“, schrieb der Est Republicain nach einem Verfahren, das in Mulhouse gegen einen Rechtsanwalt und alten Kompagnon Lacotes geführt wurde: Die Ermittlungen hätten gezeigt, dass das Autohaus nichts anderes sei als eine große Geldwaschanlage. Wer des Französischen mächtig ist und näheres über die Rolle von schicken Autos und dicken Bargeldbündeln wissen will, wird im Urteil fündig. Belangt wurde übrigens nur der elsässische Anwalt. Lacote selber ist ja schließlich unauffindbar.

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