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Aus dem Krieg in den Papierkrieg

18.09.2015, von

Flüchtlingsberatung (Archiv)

Flüchtlingsberatung (Archiv)

Dem Krieg entkommen, im Papierkrieg gelandet. Auch wenn die Probleme nicht ansatzweise vergleichbar sind, haben viele Flüchtlinge auch in Deutschland einen beschwerlichen und vor allem langwierigen Weg vor sich: Den Amtsweg.

Viele Deutsche helfen den Flüchtlingen dabei. Auch im SWR: Kolleginnen und Kollegen beraten in ihrer Freizeit ehrenamtlich Flüchtlingen, geben Sprachkurse und „Bürokratieberatung“.

Eine SWR-Kollegin aus Stuttgart hat ihre Erfahrungen bei dieser Hilfe aufgeschrieben. Sie geben einen tiefen Einblick in die Realität derer, die zwar erfolgreich vor dem Krieg geflohen sind – nun aber auf die deutsche Realität und den dazugehörigen „Papierkrieg“ treffen. Sie möchte ihre Erfahrungen öffentlich machen – selbst aber nicht in Erscheinung treten. Weil es nicht um sie, sondern um die Flüchtlinge geht. In diesem Fall: Um Mohamad und Kaid.

 

Das fiktive Leben

Ich konnte mir nicht vorstellen, dass 71 Menschen in so einen Laster passen. „Doch, doch“ sagen Mohamad und Kaid, „so war das bei uns auch.“ Und sie beschreiben, wie sie Schulter an Schulter, Bauch an Bauch eingepfercht in dem Laderaum zugebracht haben. Stehend. Kein Platz zum Umkippen, auch nicht, wenn der Fahrer in die Bremsen treten muss. Zu eng. Zugegeben, ich blieb skeptisch. Hielt die Anzahl für unmöglich. Bis zu dem „Bochumer Experiment“ des Schauspielhauses: Tatsächlich, 71 Menschen passen da rein.

Zwei Tage im Laster. Sie wissen schon vorher, was da auf sie zukommt. Die Flüchtlinge bereiten sich auf den Transport vor. Sie trinken vorher nichts und ernähren sich von Datteln. Weil sie nicht auf die Toilette dürfen. Zweit Tage lang nicht. Es verschlägt mir die Sprache. Ich gebe den beiden seit einem Monat Unterricht in Deutsch. Sie haben zwar schon einen Kurs der Volkshochschule besucht, aber davon blieb wenig hängen. Zu viele, zu unterschiedliche Teilnehmer. Doch immer öfter begleite ich die beiden zu den Ämtern, statt Deutsch als Fremdsprache zu geben. Denn von den Dokumenten hängt ihre Zukunft ab – und wirklich entgegenkommend sind die Beamten nicht.

Deutsche Willkommens-Kultur? Das hat mit der Realität der Amtsstuben wenig zu tun. Mohamad und Kaid haben bereits eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Beide sind aus Syrien geflohen. Die Flucht dauerte bei Mohamad acht Monate, wovon er zwei in einem Bulgarischen Gefängnis verbrachte, weil er keine Ausweispapiere hatte. Kaid brauchte ein halbes Jahr, eine Odyssee, hin und her zwischen verschiedenen Staaten, die ihn abwiesen.

Für Mohamad ist ein großer Tag gekommen. „Finger“ wird dieser Termin unter den Flüchtlingen genannt. Da geben sie den Fingerabdruck ab, um die ersehnten Papiere zu bekommen. Das Dokument, das sie bis dahin ausgewiesen hat, heißt (wirklich!) „Fiktionsbescheinigung“. Es ist auch der Tag, an dem er die Kostenübernahmebestätigung für den Sprach- und Integrationskurs bekommt. Er hat alle Unterlagen parat, legt ein Dokument nach dem anderen vor, Passbilder, die 59 Euro für die neuen Papiere, fein säuberlich abgezählt.

Sein Deutsch ist noch gebrochen, aber Worte wie „Bestätigungsschreiben“ oder „Nachweis der Unterbringung“ kennt er aus dem ff. Er ist lückenlos vorbereitet. Doch wer nicht liefert, ist das Amt. Die Kostenübernahmebestätigung lässt sich nicht ausdrucken. „Kann man nichts machen“, sagt der junge Beamte, „der Fehler liegt nicht bei uns, sondern in Reutlingen.“ Ich brauche aber das Papier übermorgen, raunt Mohamad mir zu. Ich mache dem Beamten Lösungsvorschläge. Das andere Amt anrufen, wo der Fehler liegt. Die Antwort: Da nimmt niemand ab. Den Kollegen für den Termin übermorgen informieren, sage ich. Die haben jetzt zu, lautet die knappe Antwort. Ich: Und morgen? Er: Ja, morgen.

Es tut sich nichts am nächsten Tag. Am übernächsten Tag gehen wir ohne die Bestätigung zum nächsten Termin, auf den Mohamad seit gut einem Monat gewartet hatte. Der Termin findet genau gegenüber, im Bürokomplex der Ausländerbehörde, Eberhardstraße 33 in Stuttgart. Dort soll eigentlich der Sprachkurs ausgewählt werden. Es kommt, wie zu erwarten war. Ohne das Papier für die Kostenübernahme geht nichts. Obwohl die Erlaubnis fiktiv da ist, nur nicht das Papier. Ich: Können Sie nicht dort anrufen? Er: Die sind überlastet, da geht niemand ans Telefon. Ich: Und wenn wir schnell rübergehen und fragen, ob das Papier sich jetzt ausdrucken lässt? Er: Können Sie machen. Ich: Und bekommen wir, wenn wir wieder zurück kommen, nochmal einen Termin bei Ihnen? Er: Wenn ich dann noch da bin ….

Es ist ein unterschwelliger Boykott der Beamten. Eine Mischung aus Machtgebaren gegenüber den Flüchtlingen und trotzigem Widerstand gegen die Politik. Vielleicht verständlich. Zu wenig Personal. Unklare neue Vorschriften und Zuständigkeiten. Viele „Kunden“ die kommen, sprechen kein Deutsch, bringen nur unvollständige Unterlagen mit, sind genervt von der Warterei und der eigenen unfreiwilligen Unwissenheit. Die Beamten sind frustriert. Für die Flüchtlinge eine Endlosschleife. Ein irreales Leben zwischen überbürokratisierten Ämtern und Unterkünften, die im anarchischen, rücksichtslosen Chaos versinken. Die meisten können die Aufforderungen, welche Papiere mitzubringen sind, nicht lesen. Obwohl sie natürlich Arabisch lesen und schreiben können. Nur Lateinische Buchstaben können viele nicht lesen oder schreiben. Deshalb gelten sie hier als Analphabeten. Und bekommen Kurse für Analphabeten. Sollten bekommen. Denn die Kurse sind ausgebucht. Zu wenige Lehrer.

Mohamad und Kaid, beide sprechen gut Englisch, haben Smartphones – aber in der Flüchtlingsunterkunft gibt es keine Computer, kein Wlan. Virtuell ist hier nichts. Das eine Bad für 26 Männer und Frauen, die provisorische Küche. Dabei wäre der digitale Zugang zur neuen Welt so wichtig, um Informationen aus dem Internet zu holen, oder sich in Portale zur Job- oder Zimmer-Vermittlung einzutragen. Inzwischen kenne ich in Stuttgart die Kaffees mit Gäste-Zugang ins Netz. Das gemütliche Weltkaffee am Charlottenplatz, beispielsweise. Mohamad und Kaid sind begeistert. Beide strecken mir ihr Samsung entgegen, damit ich das Password eintippe, danach sind sie erst mal für eine halbe Stunde abgetaucht.

Kaid ist Anästhesie-Assistent. Er stand mehr als 2000 mal im OP. Ein fröhlicher junger Mann, der gerne einen Witz macht und lacht, und noch mehr lacht, wenn ich den Witz nicht kapiert habe. Zuletzt hatte er angefangen in Damaskus Projektmanagement zu studieren. Keine 25 Jahre alt war er da. Er kommt aus Homs, der Protesthochburg der Opposition in Syrien. Dann kam der Krieg. Und alle seine Pläne – begraben.

Mohamad ist Englisch-Lehrer. Kurde aus dem nördlichen Syrien. Er spricht kurdisch und arabisch muttersprachlich. Meistens ist er nervös und ernst. Die Unterkunft ist eine Zumutung, er kann nicht schlafen, hat einen Hautauschlag bekommen. Die Flucht hat ihn nicht traumatisiert, versichert er. Doch die Warterei auf Papiere, auf die Krankenkarte, auf ein Zimmer, auf Ruhe, auf den Deutschkurs, auf einen Job, auf – ja, auf die ungewisse Zukunft – das macht ihn mürbe. Selten huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Momente, in denen man sieht, wie gerne er das normale Leben eines jungen Menschen führen würde, und wie nah es sein könnte.

Wir haben gemeinsam ihre Lebensläufe aufgesetzt für Bewerbungen. Ein Freund und ich haben rumtelefoniert. Das Rote Kreuz will gerne den Kollegen vom Roten Halbmond reinschnuppern lassen. Ein Firmeninhaber für Medizingeräte ruft persönlich zurück, freut sich über das Engagement und noch mehr, den jungen Syrer Kaid kennenzulernen. Vielleicht springt ein Praktikum für ihn raus. Und Englisch-Lehrer Mohamad hat ein Riesenglück. Ein internationales Unternehmen sucht einen arabisch sprechenden Lehrer für den Betriebskindergarten. Mohamad bewirbt sich – und bekommt den Job. You are one of us, now, hat der pädagogische Leiter gesagt, erzählt Mohamad und lächelt sein seltenes Lächeln.

Ich rufe im Job-Center an, um über das Arbeitsangebot zu informieren, dazu sind die Flüchtlinge verpflichtet. Die freundliche Mitarbeiterin im Job-Center ist erstaunt, dass Mohamad so schnell einen Job gefunden hat, und dann auch noch bei einem renommierten Unternehmen. Sie ist wirklich nett und die einzige, die sich Mühe gegeben hatte, auch Englisch zu sprechen, mit den beiden, Kaid und Mohamad.

Aha, fragt sie am anderen Ende der Leitung, als was wird Mohamad denn dort arbeiten, als Hausmeister?

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