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Trümmerfeld der Flugzeugkatastrophen – Die mühsame Spurensuche der Flugunfall-Ermittler

08.09.2015, von

Aus solchen Trümmern wird die Unfallursache rekonstruiert. (Foto: Reinlaßöder)

Aus solchen Trümmern wird die Unfallursache rekonstruiert. (Foto: Reinlaßöder)

Zerquetschte Cockpits, Steuerknüppel, an denen seit dem Absturz Erde klebt, aufgerissene Seitenwände von Flugzeugen, abgerissene Tragflächen – bei meinen Recherchen zu Auswertungsungsmethoden von Voice-Recordern und Flugschreibern bei den Braunschweiger Experten der Bundesstelle für Flugunfallungersuchung (BFU) hatte ich mit solchen Resten von realen Flugzeugunglücken nicht gerechnet. Die Zerstörung der Maschinen erschreckt mich, die Wucht der Abstürze ist an den Trümmern zu erahnen. Ich sehe zerborstene Flugzeugbäuche und muss an die Menschen denken, die bei ddem Unglück gestorben sind. Während bei größeren Verkehrsflugzeugen vor allem die Blackbox Aufschluss über den Absturz einer Maschine gibt, sind es bei den meisten der fast täglichen Abstürzen von kleineren Maschinen die Trümmerreste der Maschine, die nach Braunschweig transportiert und dort in einer wahren Detektivarbeit untersucht werden.

Eine Halle voll mit den Überresten  abgestürzter Flugzeuge.   (Foto: Reinlaßöder)

Eine Halle voll mit den Überresten abgestürzter Flugzeuge. (Foto: Reinlaßöder)

Ich stehe in einer Flugzeug-Halle, so groß wie ein Fußballfeld. Wie bei einem Puzzel liegen dort die Überbleibsel von Flugunfällen. Jede Absturzmaschine oder besser gesagt das, was von ihr noch geborgen werden konnte, ist hier – einer Ausstellung ähnlich – mit einem Sperrband abgegrenzt auf dem Betonboden ausgelegt. Manchmal dauert es Wochen, bis  der Ablauf eines Absturzes rekonstruiert werden kann. Der Unfall-Ermittler der Bundesstelle im grünen Overall berichtet von einem Ultraleicht-Flugzeug, bei dem Mitten im Flug die Flügel abgebrochen sind. Er zeigt mir den Torso. Bei den Untersuchungen konnte ermittelt werden, dass im Inneren der Tragflächen die Füllung der Stabilisierungsstege aus unzulässigem, minderwertigem Material bestanden – deshalb sind die Flügel plötzlich abgebrochen. Die Erläuterungen des Fachmanns wirken technisch, nüchtern. Er führt mich von Katastrophenbild zu Katastrophenbild.

Wir stehen vor Resten eines Piper-Cockpits mit einem zersplitterten Armaturenbrett: Im Januar war darin ein ehemaliger Vize-Europameister im Kunstflug zusammen mit seiner Lebenspartnerin in der 55 Jahre alten Maschine über Rechberghausen (Landkreis Göppingen) in ein Wohngebiet tödlich abgestürzt. Die 18 Unfalluntersucher der Bundesstelle sind meist erfahrene Piloten mit profunder technischer Ausbildung. Sie erzählen mir,  dass sie oft als erste an den Unfallstellen sind – selbst die Bergung von Leichen erfolgt oft erst, wenn sie ihre ersten Untersuchungen abgeschlossen haben.

Katastrophenbild nach Unglück. (Foto: Reinlaßöder)

Katastrophenbild nach Unglück. (Foto: Reinlaßöder)

Wie geht man damit um, wenn man als Techniker mit solchen Unfallwirklichenkeiten konfrontiert wird? Ich merke, dass ich in diesem Trümmerfeld der Flugzeugkatastrophen versuche, das aufkommende Unwohlsein, die Bilder, die bei mir aufsteigen wegzudrücken, als Journalist will ich die Informationen aufnehmen, die mir die

Untersuchungen am Armaturenbrett. (Foto: Reinlaßöder)

Untersuchungen am Armaturenbrett. (Foto: Reinlaßöder)

Unfallexperten schildern. Ich werde sehr ruhig, die Konzentration auf das Rationale strengt an. Mein Focus ist während des Aufenthalts in dieser Halle immer enger geworden. Offenbar merkt der Unfallexperte die Veränderung bei mir, wir gehen jetzt schneller von einem Trümmerhaufen zum nächsten.

Vor mir liegen jetzt Reste der Flugzeugungkollision von Überlingen. Bei dem Unfall vor 13 Jahren war in mehr als 10 000 Metern Höhe über Owingen eine Tupolew mit einer Boeing 757 kollidierte. Es war mit 71 Opfern eines der folgenschwersten Flugunglücke im deutschen Luftraum.

Reste des Tupolew-Tragflügels und  des Boeing Seitenleitwerkes - beim Absturz vor 13 Jahren in Überlingen starben 71 Menschen.  (Foto: Reinlaßöder)

Reste des Tupolew-Tragflügels und des Boeing Seitenleitwerkes – beim Absturz vor 13 Jahren in Überlingen starben 71 Menschen. (Foto: Reinlaßöder)

In der Halle der Braunschweiger Flugunfalluntersucher sehe ich die meterlangen verrußten Reste einer der Tupolew-Tragfläche, dahinter das aufgefetzter, roter Seitenleitwerk der Boeing. Was hier vor mir liegt, sind die stummen Zeugen von dramatischen Sekunden.
Als wir wieder Richtung Ausgang gehen erfahre ich, dass nicht oft, aber doch ab und an Angehörige von Abgestürzten darum bitten, hier in dieser Halle Abschied zu nehmen von ihren Toten. Ich bleibe kurz stehen.

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