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Ein erster und letzter Termin bei GBA Range

07.08.2015, von

Luftbild des Gebäudes der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, aufgenommen am 13.8.2001. Der einst 66 Millionen Mark teure Neubau des Kölner Stararchitekten Oswald Mathias Ungers gehört zu den Markenzeichen der Stadt Karlsruhe. Das Gebäude, das von einer fünf Meter hohen Mauer umgeben ist, hat eine Nutzfläche von rund 6000 Quadratmetern und wurde im August 1998 offiziell seiner Bestimmung übergeben. Es ist Sitz des Generalbundesanwaltes, zurzeit übt Kay Nehm dieses Amt aus. Die knapp 200 Mitarbeiter zählende Behörde ist unter anderem die Schaltzentrale für die Terroristenfahndung in Deutschland. Immer wenn es konkrete Verdachtsmomente für die Gründung einer terroristischen Vereinigung gibt, werden in der Regel der Generalbundesanwalt und seine Mitarbeiter tätig.

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe

Wehrhaft oder eingemauert? Es kommt auf die eigene Perspektive an, welche Assoziationen sich beim Anblick des Dienstsitzes des Generalbundesanwalts in Karlsruhe einstellen. Von außen betrachtet,  ist das Areal fraglos eine Festung: Fast sechs Meter hoch dürfte die hell grau gekachelte Mauer sein, die das Gelände umgibt, und die quadratischen Fenster im oberen Drittel erinnern unweigerlich an Schießscharten. Mit der Mauerkrone wollte der Architekt dann wohl doch einen allzu martialischen Eindruck vermeiden und entschied anstatt der eigentlich logischen Burgzinnen für eine Hecke, die nicht nur zusätzlichen Sichtschutz bietet, sondern auch die Gesamthöhe der „Einfriedung“ auf vielleicht knapp sieben Meter hebt.

Aber dieser erste äußere Eindruck vom GBA-Komplex fliegt an diesem sonnigen Augustmorgen nur an mir vorbei. Ich bin viel zu sehr damit beschäftigt, mein Reportagegerät zu überprüfen: Geladene Akkus in Kamera und Rekorder eingelegt, genügend Platz auf den Speicherchips, Laptop übertragungsbereit, Handy auf lautlos gestellt, Stift und Schreibblock griffbereit? Alles klar! Trotz des überraschenden Aufbruchs kurz zuvor am Morgen.

Schatten der Vergangenheit

Räumte mit einem Paukenschlag seinen Posten: Generalbundesanwalt Range

Räumte mit einem Paukenschlag seinen Posten: Generalbundesanwalt Range

„Range tritt wohl gleich zurück! Er gibt um 9:30 Uhr ein Statement ab. Wir müssen schnell hin.“ Es ist erst mein zweiter Tag beim SWR und ich bin mitten in der Geschichte, die zurzeit die Medienwelt der Republik bewegt: Die Ermittlungen des Generalbundesanwalts Harald Ranges gegen die Kollegen von netzpolitik.org wegen des Verdachts des Landesverrats. Die Kritik dafür fiel heftig aus. Immerhin war diese juristische Keule zuletzt 1962 in der „Spiegel-Affäre“ geschwungen worden. Leitender Staatsanwalt war seinerzeit Siegfried Buback, der später  Generalbundesanwalt wurde und den RAF-Terroristen 1977 in Karlsruhe ermordeten.

Das festungsartige GBA-Areal verschluckt Holger Schmidt und mich, als wir gegen 09:20 Uhr mit dem Auto in die Einfahrt einbiegen und die Sicherheitskontrolle passiert haben. Trotz des Berufsverkehrs hatten wir nur etwas mehr als 30 Minuten benötigt, um vom SWR Funkhaus in Baden-Baden nach Karlsruhe zu kommen. Während der Fahrt hatten wir mit SWR- und ARD-Korrespondenten, Nachrichtenredakteuren und mit meinen langjährigen Kollegen von tagesschau.de telefoniert. Als wir dann in Karlsruhe ankommen, ist klar: Wir sollen für die Onlineberichterstattung einen Live-Videostream und möglichst schnell einen einordnenden Text liefern – Reporterroutine. Und dennoch ist es für mich kein Routinetag.

Das Innere des Gebäudekomplexes überrascht mich. Keine triste Architektur, sondern ein begrünter, lichter Innenhof, der geprägt ist von einer herrschaftlich anmutenden Auffahrt. Vor dem rechten Seitenflügel des modern geschwungenen, vierstöckigen Hauptgebäudes laden ein paar Stühle und Bistro-Tische in der Sonne zum Verweilen ein. Eine Frau beobachtet von dort, wie Journalisten und Kamerateams zum Eingang hetzen. Im Vergleich zum Medientrubel in Hauptstadt und angesichts des erwarteten Ereignisses ist der Auftrieb jedoch ziemlich klein. Vielleicht ein gutes Dutzend Männer und Frauen wollen über Ranges Erklärung berichten.

Die Bombe platzt

Mit dem Fahrstuhl geht es ganz nach oben. Und wir sind nicht eine Minute zu früh. Range tritt – unrasiert und sichtlich aufgewühlt – vor die Presse. Seine Augen huschen durch die Reihen, aber er trägt ruhig vor, was er zu sagen hat: abgelesen Wort für Wort von einem Din-A4-Blatt. Und… er zündet eine Bombe. Range tritt nicht zurück! Er provoziert seinen Rausschmiss! Er wirft dem Bundesjustizminister einen „unerträglichen Eingriff in die Unabhängigkeit der Justiz“ vor.

 

Nach dem Zwei-Minuten-Statement (schriftlich hier) herrscht zunächst Stille. Fragen sind nicht zugelassen. Normalerweise enden solche Auftritte mit einem schnellen Abgang. Range aber wechselt demonstrativ die Raumseite, bleibt im Gegenlicht der Fenster stehen und lässt sich lange fotografieren – schweigend.

Im Fahrstuhl nach unten setzt bei den Journalisten ungläubiges Kopfschütteln ein. „Was war das denn?“, „Kampfansage“ und  „beruflicher Selbstmord“ sind einige Wortfetzen. Im vom Sonnenlicht durchfluteten Innenhof zücken alle die Handys und springen in ihre Autos. Ich registriere auf dem Beifahrersitz gar nicht, wie auch wir vom Gelände fahren – alles Überflüssige ist beim Schreiben ausgeblendet.

Wehrhaft oder eingemauert?

Auf unserem Rückweg analysieren wir die zurückliegende Viertelstunde.  Wollte Range seiner Behörde einen Dienst erweisen?  Waren es Verzweiflung, Isolation oder Starrsinn, die ihn drängten? Wehrhaft oder eingemauert? Die Beteiligten der „Affäre netzpolitik.org“ werden es  unterschiedlich beurteilen. Ein Ergebnis steht aber für mich mit Sicherheit fest: Harald Range wird nicht mehr lange Hausherr des festungsartigen GBA-Areals sein.

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