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Fledermäuse im Stadtlicht

27.09.2016, von , in Karte anzeigen

Der Große Abendsegler jagt bei Anbruch der Nacht an Flüssen und Seen. (Foto: IZW)

Der Große Abendsegler jagt bei Anbruch der Nacht an Flüssen und Seen. (Foto: IZW)

Fledermäuse haben im Vergleich zum Menschen zwar keine guten Augen, dennoch ist der Sehsinn auch für sie wichtig. Die Tiere brauchen ihn zum Beispiel um zu erkennen, wann es dunkel wird und sie jagen können. Die Dunkelheit schützt Fledermäuse vor vielen Raubvögeln. Doch was passiert, wenn es nie richtig dunkel wird? In einer Großstadt wie Berlin zum Beispiel erhellt künstliches Licht die Nacht. Werden Fledermäuse davon gestört? Das wollen Wissenschaftler des Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung herausfinden. Sie haben Fledermäuse mit einem GPS-Sender ausgestattet, eine Speicherkarte nimmt ihre Flugwege auf. Ein Luxmeter misst zudem die Lichtintensität, die die Tiere auf ihren Flügen umgibt. Um Tiere zu besendern, sind die Biologen auf einen Friedhof in Berlin Marzahn gegangen, wo Große Abendsegler ihre Quartiere haben. Julia Beißwenger war dabei.

Fledermauskästen auf dem Friedhof
Der Große Abendsegler ist eine Waldfledermaus, die als Quartier hohle Baumstämme nutzt. Die sind in Großstädten rar, künstliche Fledermauskästen bieten daher Ersatz. Auf dem Friedhof in Marzahn hängen 20 bis 30 Fledermauskästen.

Ein Fledermauskasten auf einem Friedhof in Berlin Marzahn (Foto: IZW)

Ein Fledermauskasten auf einem Friedhof in Berlin Marzahn (Foto: IZW)

Sie ähneln Vogelnistkästen, allerdings ist ihr Eingang nicht vorne, sondern unten. Bei kalten Temperaturen können bis zu 20 Fledermäuse an den Innenwänden eines Fledermauskastens hängen. Durch die Nähe wärmen sich die Tiere gegenseitig. Im Sommer dagegen nutzen Fledermäuse oft ein Quartier für sich alleine.

 

Tobias Teige misst den Unterarm eines Großes Abendseglers. Er ist 50mm lang. (Foto: IZW)

Tobias Teige misst den Unterarm eines Großen Abendseglers. Er ist 50mm lang. (Foto: IZW)

Testfledermäuse gesucht
Christian Voigt und seine Kollegen kontrollieren mehrere Quartiere. Die meisten sind leer. Doch im achten Kasten findet der Biologe Tobias Teige einen Großen Abendsegler. Das Tier fiept aufgeregt und beißt in den Handschuh des Forschers. Er misst die Größe des Tieres. Dann steckt er es in eine Tüte, die an einer Federwaage hängt. 31 Gramm wiegt der Große Abendsegler. Es ist ein stattliches Gewicht, denn die meisten Fledermausarten in Deutschland sind deutlich kleiner und leichter.

Fledermaus mit Hightech-Platine

Eine GPS-Einheit enthält unter anderem ein Luxmeter zur Messung der Lichtintensität. (Foto: Julia Beißwenger)

Eine GPS-Einheit enthält unter anderem ein Luxmeter zur Messung der Lichtintensität. (Foto: Julia Beißwenger)

GPS-Überwachung Christian Voigt holt eine GPS-Einheit aus seiner Tasche. Sie ist in etwa so groß wie der kleine Finger eines Kindes. Die Elektronik enthält eine Speicherkarte, die alle 30 Sekunden den Ort der Fledermaus aufnimmt. Außerdem enthält sie ein Luxmeter, das die Lichtintensität der Umgebung misst. Bisher ist bekannt, dass manche Arten wie die Zwergfledermaus um Lampen fliegen, um Insekten zu jagen. Der Große Abendsegler jedoch ist dafür nicht wendig genug. Er jagt in der Dämmerung an Seen und Flüssen. „Künstliches Licht könnte ihn irritieren, denn es erhellt die Nacht teilweise, als wäre noch Dämmerung. Wir wollen herausfinden, ob der Große Abendsegler durch künstliches Licht besonders lange jagt“, erklärt Christian Voigt.

Um den Sender an der Fledermaus zu befestigen, schneidet der Biologe etwas Fell vom Rücken des Tieres. Anschließend trägt er hautverträglichen Klebstoff auf die GPS-Einheit und drückt sie auf den Rücken der Fledermaus. Vier Gramm wiegt die Elektronik. Dieses Gewicht kann ein Großer Abendsegler ohne Probleme tragen, versichert Christian Voigt. Er setzt das Tier zurück in sein Quartier und holt anschließend eine große Antenne hervor.

Fledermäuse orten

Christian Voigt kann mit Hilfe eines VHF-Signals die besenderte Fledermaus wiederfinden. (Foto: Julia Beißwenger)

Christian Voigt kann mit Hilfe eines VHF-Signals die besenderte Fledermaus wiederfinden. (Foto: Julia Beißwenger)

„Sie registriert Pulse im Megaherzbereich, die ein Sender in der GPS-Einheit aussendet“, erklärt der Biologe. Durch die Antenne sind die Pulse als Piepen zu hören. Umso näher die Fledermaus ist, desto lauter ertönt das Piepen. „Mit Hilfe der Antenne werden wir in einigen Tagen die Fledermaus wiederfinden und den Sender abnehmen. Anschließend werden wir die Daten auswerten“, erklärt Christian Voigt. Insgesamt möchte er 15 Große Abendsegler besendern.

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Kommentare zu „Fledermäuse im Stadtlicht“

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  1. Wolfgang Martin Wettlaufer
    schreibt am 28. September 2016 14:53 :

    Warum nur gelangen Kehrseiten unserer „Zivilisation“ so selten zur Beachtung, warum haben Ökologen und Klimaforscher es so schwer, diese für Mensch, Tier und Lebensräume, für ganze Ökosysteme abträglichen Folgen konsumverwöhnten Mitmenschen zu vermitteln? Daß Fledermäuse an unserer Unersättlichkeit bei künstlicher Beleuchtung leiden (man nimmt die Tiere ja kaum wahr), wird den meisten unter uns als vitales Problem schwer zu vermitteln sein – und doch ist es infolge der ökologischen Zusammenhänge sehr bedeutsam. Ebenso wie die irrsinnige Vermüllung, die Erwärmung und Versäuerung der Ozeane, die man nicht vor Augen hat: sie sind letztlich ganz fatale Folgen unserer maßlos überzogenen Konsumansprüche. Unter der Vorstellung, die naturferne technisierte Wirtschaft könne auf begrenztem Planeten noch in den Himmel wachsen; helle Beleuchtung allerorten schaffe stets Lebensqualität! Unerwartete Folgen gibt es auch für den Menschen selber, eben auch von zu üppiger Beleuchtung. Wie bei Abendseglern unterliegt ein Organismus Biorhythmen, und das Schlafhormon Melatonin bildet sich dann nicht ausreichend – was Immunkräfte schwächt und Krebs auslösen kann! Vor über zehn Jahren zeichnete sich das schon ab (etwa bei viel nächtlicher Arbeit unter hellem Licht).

    Einem „Weiter so“ bei der Ökonomisierung unserer Welt stellt sich damit die (Gewissens-)Frage nach unserem Lebensstil in den Weg! Viele gefährliche Entwicklungen bescheren uns zusehends Probleme, die unumkehrbar werden: die aktuell beschleunigten Verluste biologischer Arten (hier: u.a. der Fledermäuse), das globale Debakel beim Klima, welches womöglich bald über einen ‚Kipp-Punkt‘ gerät, und eine unaufhaltbare Eigendynamik entfaltet. Dringend sollten wir also hinterfragen, was uns die Schönredner und ‚Marktschreier des Kommerzes‘ immer ungenierter anbieten – der Zukunft unserer Kinder und Enkel wegen, doch auch global gesehen (Verwüstung großer Lebensräume durch Raubbau von Ressourcen wie Erdöl, Palmöl, Mais-, Raps- und Sojaanbau, „Energiepflanzen“ für eine unersättliche Wirtschaft und Logistik, dabei auch: Überbeleuchtung!).

    Ein letzter Punkt, gleichfalls beachtenswert: der Verlust des Sternenhimmels durch Streulichter, die „Lichtverschmutzung am Nachthimmel“. Nicht allein um den ästhetischen Wert geht es hierbei, in der Betrachtung eines Naturwunders. Eines gehörigen Teils unseres „Naturerbes“, könnte man auch sagen! Selber bin ich in Kindertagen durch die nächtlichen Lichtfunken inspiriert worden zu Fragen nach unserer Existenz, mithin zu den „kantischen“ Fragen. Der sprach einst vom „bestirnten Himmel“ über ihm, den er mit dem „moralischen Gesetz“ in ihm verbandelt sah. (Und zum natürlichen Himmel muß man noch aufblicken, im Kontrast zur flugs aufgerufenen „Sternhimmel“App auf dem Smartphone ..) Wie wir erkennen: die Sternenschau hat auch eine gemütvolle, eine sittlich-intellektuelle Dimension!

    Interessant anzumerken, daß selbst ‚Kleingetier‘ nach den Sternen blickt; der Scarabäus-Käfer (bei uns: Mistkäfer) etwa orientiert sich am Band der Milchstraße, wie Forscher neulich mitteilten. Und vor einem Jahrzehnt schon berichtete die „International Dark-Sky Association“ in den USA von der Vermutung, daß das weltweite Amphibiensterben von lichtverschmutzten Lebensräumen hervorgerufen sein könnte: ihr Fortpflanzungsverhalten richtet sich extrem stark nach Intensitäten von Beleuchtung.

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