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Trinken für die Wissenschaft – Schmerztests mit Alkohol

08.08.2016, von , in Karte anzeigen

 

•Drink: "Blauer Kapitän" – besteht aus 70%igem Ethanol, Limettensaft, Bitter Lemon, Blue Curacao (Foto: Inga Pflug)

Drink: „Blauer Kapitän“ – besteht aus 70%igem Ethanol, Limettensaft, Bitter Lemon, Blue Curacao

Alkohol als Schmerzmittel – manche Patienten mit chronischen Schmerzen versuchen, ihre Leiden so zu lindern. Gleichzeitig klagen aber Menschen, die viel Alkohol trinken, besonders häufig über Schmerzen. Doch wie genau Alkoholkonsum und Schmerzempfinden zusammenhängen, ist weitestgehend unklar. Forscher der Uni Bamberg wollen das ändern: In einer aktuellen Studie erforschen Psychologen der Projektgruppe „Pain & Addiction“ die unmittelbare Wirkung von Alkohol auf das Schmerzempfinden. Die Probanden machen dafür verschiedene Schmerztests – und bekommen vorher einen Drink verabreicht. Durchblicker-Reporterin Inga Pflug hat sich auf den alkoholischen Versuch eingelassen.

Dr. Claudia Horn-Hofmann, Physiologische Psychologie Universität Bamberg (Foto: Inga Plug)

Dr. Claudia Horn-Hofmann und ihre Mitarbeiter erforschen die Wirkung von Alkohol auf das Schmerzempfinden

„Alle gehen davon aus, dass Alkohol schmerzhemmend wirkt, aber im Experiment ist das noch nicht ausreichend gezeigt. Was interessanter Weise noch nie gemacht wurde, ist eine Studie mit Schmerzpatienten“ , sagt Claudia Horn-Hofmann vom Lehrstuhl für Physiologische Psychologie der Universität Bamberg. Neben gesunden Probanden wollen die Wissenschaftler erstmals auch Versuche mit Menschen mit chronischen Rückenschmerzen durchführen. Besonders interessant für die Forscher: Ob Schmerzpatienten anders auf Alkohol reagieren als gesunde Menschen.

Zwei Komponenten des Schmerzes
Bekannt ist, dass Schmerz hat zwei Komponenten hat: Die Intensität der Schmerzen ist die „sensorische Komponente“: wie stark ist der Schmerz, wo sitzt er genau.

•Schmerzskala, anhand derer Probanden den empfundenen Schmerz einschätzen (Foto: Inga Rumpf)

Schmerzskala, anhand derer Probanden den empfundenen Schmerz einschätzen

Bei der „affektiven Komponente“ geht es darum, wie unangenehm der Schmerz ist. „Wir erklären das immer an einem Radio-Beispiel: wo die Intensität die Lautstärke wäre: Unangenehm – angenehm würde dann davon abhängen, wie Sie den Song finden, der gerade im Radio läuft. Beim Lieblingssong ist wahrscheinlich sehr, sehr laut sogar angenehm, während bei einem Song, den Sie gar nicht mögen, das sehr schnell unangenehm werden kann“, beschreibt Claudia Horn-Hofmann.

Der Duft von Alkohol
Die Probanden machen in der Studie verschiedene Schmerztests, vorher gibt es einen Cocktail, den „Blauen Kapitän“. Der besteht immer aus Limettensaft, Bitter Lemon und Blue Curacao-Sirup. In der alkoholischen Variante geben die Forscher 70-prozentigen Apothekenalkohol, also Ethanol, dazu. Die Menge ist genau auf das Gewicht des jeweiligen Studienteilnehmers abgestimmt, so dass die Forscher den Promillewert genau kontrollieren können. Die Probanden dürfen vier Stunden vor dem Test nichts essen und nur Wasser trinken – wissen allerdings nicht, ob und wie viel Alkohol sie bekommen: Bei der alkoholfreien Variante wird das Cocktail-Glas mit Alkohol-Duft besprüht, der die Illusion von Alkohol erzeugt. Auch der Versuchsleiter weiß bei dem doppel-blinden Versuchsaufbau nicht, was der Proband verabreicht bekommt.

Bügeleisen am Arm
Nach dem Wiegen und einem Reaktionstest wird zunächst in nüchternem Zustand überprüft, wie schmerzempfindlich die Probanden sind: Eine Thermode – eine Art kleines Bügeleisen – wird am Arm befestigt und kontrolliert erhitzt. Sobald die Wärme unangenehm wird, klicken die Studienteilnehmer auf die Maus und signalisieren dem angeschlossenen Computer so, wo ihre Schmerzschwelle liegt, also bei welcher Temperatur ein leichter Schmerz anfängt. „Das ist individuell total unterschiedlich und damit messen wir, wie schmerzempfindlich eine Person ist, jetzt erst einmal bevor sie Alkohol bekommt“, beschreibt Psychologin Horn-Hofmann.

•Thermode – Die Metallfläche erzeugt kontrolliert Hitze am Arm der Versuchsteilnehmer (Foto: Inga Pflug)

Thermode – Die Metallfläche erzeugt kontrolliert Hitze am Arm der Versuchsteilnehmer

Es werden allerdings nur leichte Schmerzen erzeugt, verbrannt wird niemand, betont Jörg Wohlstein vom Bamberger Lehrstuhl für Pathopsychologie, der ebenfalls an der Studie beteiligt ist. „Sie werden gut gelaunt nach Hause gehen“, verspricht er. Beim zweiten Test legen die Probanden ihre Hand eine Minute lang in heißes Wasser – und geben an, wie stark und wie unangenehm der Schmerz ist. Anschließend kommt wieder die Thermode zum Einsatz: In mehreren Durchläufen, mal mit nur einem Hitzeimpuls, mal mit mehreren Hitzereizen in Folge, müssen die Probanden die sensorische und den affektive Komponente auf einer Skala von Null bis Zehn einschätzen. Anschließend wird der Cocktail serviert und der Versuchsaufbau wiederholt.

Gute Laune gegen Schmerz
Wenn Alkohol den Schmerz wirklich abmildert, könnte das zwei Ursachen haben: Einerseits könnte er wie ein Schmerzmittel wirken, andererseits aber auch „nur“ die Stimmung des Trinkers beeinflussen, so dass der Schmerz noch da ist, aber als weniger unangenehm empfunden wird, erklärt Claudia Horn-Hofmann: „Alkohol führt dazu, dass wir weniger Angst haben, dass wir besser gelaunt sind. Und Emotionen haben wiederum Auswirkungen auf Schmerz. Positive Emotionen wirken schmerzhemmend, negative schmerzverstärkend, deswegen könnte das auch einfach so ein vermittelter Wert sein.“

Alkohol kein Schmerzkiller
Fest steht bisher: Auf die Höhe der Schmerzschwelle scheint der Alkohol keine allzu starke Wirkung zu haben. Auf einige Probanden wirkt das Heißwasser nach dem Cocktail aber deutlich unangenehmer.

Bildschirm bei der Schmerzmessung (Foto: Inga Pflug)

Bildschirm bei der Schmerzmessung

Die Gründe dafür, gilt es für die Bamberger Wissenschaftler nun noch zu erforschen. Ihre Ergebnisse könnten dann auch Ärzten vom Schmerzpatienten als Handreichung dienen, erklärt Jörg Wohlstein. Und beide Psychologen betonen: Als zielgerichtetes Schmerzmittel ist Alkohol auf keinen Fall zu empfehlen. Denn Nebenwirkungen wie Ausfallerscheinungen gibt es „gratis“ dazu.

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