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Gasschnüffler auf der Mülldeponie

29.03.2016, von , in Karte anzeigen

Gaswertmessung in der Mülldeponie Einöd

Gaswertmessung in der Mülldeponie Einöd

Tief im Bauch der Mülldeponie Einöd gärt es immer noch. Vor dreißig Jahren wurde hier in einem romantischen Seitental am Neckar der gesamte Stuttgarter Hausmüll eingelagert. Seit dem arbeiten die Bakterien und produzieren noch immer Gase – Klimagase wie Kohlendioxid und Methan. Regelmäßig geht Martin Eisenlohr mit seinem Gasschnüffel-Messgerät über die gesamte Deponie um zu prüfen, ob sie irgendwo leckt. Das wäre schlecht, denn das Methan lässt sich wunderbar nutzen: es heizt das benachbarte Krankenhaus. Der Umwelttechnik-Ingenieur Eisenlohr hat diese Verwertungsanlage selbst geplant und betreut sie seit über zwanzig Jahren.

Martin Eisenlohr führt regelmäßig Gasmessungen durch

Martin Eisenlohr führt regelmäßig Gasmessungen durch

Alle Hausmülldeponien in Deutschland müssen regelmäßig kontrolliert werden, ob sie noch ganz dicht sind – gasdicht. Das ist ein Job für Martin Eisenlohr. Der Umwelttechniker kennt die Stuttgarter Mülldeponie wie seine Westentasche. Zweimal im Jahr geht er über das Gelände, und hält die Sonde seines empfindlichen Messgeräts in jeden Schacht, jeden Gasbrunnen oder schwingt sie einfach nur locker über den Boden. Wenn es piepst oder brummt, dann stimmt etwas nicht, dann muss er die Stelle genauer untersuchen.

Moose zeigen, wo Gas austritt

Spektrometer für Gasmessungen

Mit diesem Spektrometer werden die Gasmessungen durchgeführt

Manchmal lassen sich solche Stellen optisch gut erkennen. Denn da, wo Gas aus dem Boden kommt, wächst in der Regel kein Gras. Eher Moose oder Brombeerpflanzen, weil die unempfindlicher sind. Doch ein absolut sicherer Indikator sind Moose oder Brombeerpflanzen nicht. An einer optisch unscheinbaren Stelle zeigt das Gerät 2800 ppm an, möglicherweise ist diese Stelle neu. Darum muss wirklich die gesamte Deponie begangen und geprüft werden – bei großen Müllhalden kann das mitunter Tage dauern.

Die meisten Gasbrunnen und Schächte auf Einöd sind sauber. Zeigt das Gerät Konzentrationen von 4000 ppm an, also eine Teilchenanzahl von 4000 in einer Million, dann muss Martin Eisenlohr den Brunnen stärker absaugen. Schließlich soll nichts in die Luft gelangen. Denn beide Bestandteile des Deponiegases – Kohlendioxid und Methan, sind klimaschädliche Gase.

Schacht an der Mülldeponie

Schacht an der Mülldeponie

Noch in den neunzehnhundertachtziger Jahren taten Deponiegase ungehindert aus. Bis man festgestellte: Da kommt so viel Gas raus, da muss man etwas tun. Dann hat man begonnen, das Deponiegas anzuzünden, abzufackeln. Auch die extremen Geruchsbelästigungen führten dazu, dass die Behörden reagierten und neue Gesetze erlassen wurden. Mittlerweile haben alle Deponien in Deutschland eine Entgasungseinrichtung, mit der das Gas gesammelt und entsorgt werden kann.

Ein Krankenhaus heizen – mit Gas aus Müll

Martin Eisenlohr hat sich damals Gedanken macht, wie man das Gas aus Einöd sinnvoll verwerten könnte. 1994 baut er eine Gasleitung und leitet das Gas zur Heizzentrale eines benachbarten Krankenhauses, wo es mit Erdgas gemischt und seitdem zum Heizen verwendet werden kann. Mehrere Millionen Kubikmeter Deponiegas konnten so verwertet werden und haben der Kommune und dem Krankenhaus bares Geld gespart, bis heute. Martin Eisenlohr glaubt, dass die Gasverwertung auch noch für weitere zehn Jahre funktionieren wird.

Gasleitung

Das Gas wird zum Krankenhaus geleitet.

Wäre es – vom ökologischen Standpunkt aus betrachtet – nicht sinnvoller, die Deponie komplett aufzulösen und den Rest in einer Müllverbrennung zu verbrennen? Martin Eisenlohr hat solch einen Versuch begleitet und festgestellt, dass die meisten Stoffe überhaupt nicht brennen. Steine, Glas, Scherben und geringe Mengen Plastik hatte das Team beim Graben gefunden. Echte „Rohstoffe“, wie die Befürworter des Deponie-Mining es propagieren, waren hingegen weniger zu finden.

Einen Deponierückbau hält der Umwelttechniker wirtschaftlich für unrentabel und glaubt nicht, dass die Deponie Einöd jemals zurückgebaut werden wird.

Alte Kühlschränke schlummern tief im Boden

Bevor Martin Eisenlohr seine Messung beendet, nimmt er eine Gasprobe fürs Labor.

Martin Eisenlohr

Martin Eisenlohr prüft die Gaszufuhr aus der Mülldeponie

Durch die Gasanalyse kann er später beurteilen, welche Abfallstoffe insgesamt abgelagert und welche bereits vollständig zersetzt sind. Im Gas sind häufig Chlor und Fluor aus Sprühdosen und alten Kühlschränken zu finden. Martin Eisenlohr vermutet, dass auch in Einöd einige 1000 Kühlschränke in der Erde schlummern. Damals hat man ja keinen anderen Entsorgungsweg gekannt, es gab ja nur die Deponie.

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