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Zebrafinken geben Aufschluss über das Paarungsverhalten von Vögeln (und Menschen)

15.02.2016, von , in Karte anzeigen

Zebrafinken auf Partnersuche: Der Geruch entscheidet.

Zebrafinken auf Partnersuche: Der Geruch entscheidet.

Wer verpaart sich besser? Aggressive oder schüchterne Vogelmänner? Und welches Männchen wird von Vogeldamen bevorzugt? An der Universität Bielefeld helfen 3000 Zebrafinken dabei, herauszufinden, wie Lebewesen sich verhalten. Mit erstaunlichen Ergebnissen.Sie sind kleiner als ein Spatz, haben einen spitzen rot-orangen Schnabel und oft rote Wangen. An der Universität Bielefeld gibt es hunderte Käfige und Volieren mit diesen kleinen Vögeln. Seit mehr als 40 Jahren werden sie hier zu Forschungszwecken gezüchtet. Um das Verhalten von Tieren zu verstehen sind sie ideal: Sie sind leicht zu züchten und haben ein ausgeprägtes Sozialverhalten, das dazu geeignet sind auch gruppendynamische Prozesse zu erklären.

Auf den ersten Blick sehen die Zebrafinken sehr ähnlich aus. Auf den zweiten Blick erkennt man allerdings schon Unterschiede: Die einen haben rötere Wangen als andere. Das Gefieder ist mal mehr braun, mal eher grau. Das Aussehen lässt Rückschlüsse auf den Charakter der Vögel zu, hat der Leiter des Instituts für Verhaltensforschung an der Universität Bielefeld Prof. Oliver Krüger herausgefunden. Allerdings könne man nicht generell sagen, dass diejenigen mit röteren Wangen aggressiver oder weniger aggressiv seien. Dazu gebe es dann doch zu viele Variablen.

Video: Für Prof. Oliver Krüger sind Zebrafinken ideale Versuchstiere
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Persönlichkeitstests für Vögel

Weil die Zuordnung von Charaktereigenschaften also nicht nur nach Äußerlichkeiten beurteilt werden kann, werden in den Laboren der Universität Bielefeld fast täglich Persönlichkeitstests durchgeführt. Für Vögel. Dafür fängt Doktorandin Sabine Kraus einen Zebrafink mit der Hand in einem Käfig ein. Der Vogel flattert, landet aber letztendlich doch zwischen den Fingern. Dann steckt Sabine Kraus ihn in ein kleines rotes Säckchen. „Das ist nur für den Transport, damit es nicht zwischendurch abhaut, wenn wir jetzt zum Versuchsraum gehen“, beruhigt die Forscherin. Der Versuchsraum ist schallisoliert. Damit der Zebrafink nicht von anderen Zebrafinken abgelenkt wird. Hier sind wieder Vogelkäfige und Volieren. Sabine Kraus entlässt den gerade eingefangenen Zebrafink in einen der Käfige und beobachtet ihn genau. Hier wird geprüft, ob der Vogel eher neugierig oder zurückhaltend ist. „Wenn er den Käfig erkundet und dabei auch frisst und trinkt, dann ist er sehr erkundungsfreudig. Wenn er aber die ganze Zeit nur auf einer Stange sitzen bleibt nicht“, erklärt die Verhaltensforscherin.

Wer drei Stangen schafft, hat Mut

Unser Zebrafink ist erkundungsfreudig: Er sitzt nur kurz auf einer Stange, keckert, guckt sich um, fliegt zur nächsten und kurz darauf auf eine dritte. Es dauert keine fünf Minuten, bis er den Käfig erkundet hat. Das ist schnell, bestätigt Sabine Kraus. Diese Persönlichkeitstests sind die Voraussetzung für die weitere Züchtung: Neugierige Vögel werden mit neugieren verpaart. Schüchterne mit schüchternen. Und aggressive mit aggressiven. So entstehen Vögel mit sehr extremen Charakterzügen. Das belegt, dass Charaktere vererbbar sind. Aber Prof. Kröger will noch mehr. „Wir versuchen herauszufinden, wie die Charaktere mit unterschiedlichen Umwelten klar kommen.“ Wie auch bei Menschen könne man nicht sagen: Generell käme ein mutiger, neugieriger Vogel in allen Lebenslagen besser klar. Für bestimmte Situationen sind andere Charaktereigenschaften gefragt. Aber welche für welche? Daran wird hier gerade geforscht.

Video: Auf zu den Versuchen: Ein Zebrafink wird gefangen
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Singvögel können riechen

Hunderte Volieren mit Zebrafinken gibt es an der Universität Bielefeld.

Hunderte Volieren mit Zebrafinken gibt es an der Universität Bielefeld.

Eine erstaunliche Erkenntnis wurde schon gemacht: Singvögel können riechen. Vermutlich ist der Geruch – wie beim Menschen auch – entscheidend für die Partnerwahl. Das erforscht ein paar Räume weiter die Doktorandin Sarah Gölicke. Bei Zebrafinken singen im Prinzip die Männchen ihren Kindern vor. Sie sind also das Vorbild. „Wenn jetzt das Zebrafinken-Weibchen den Gesang vom Vater lernt, dann wäre der ideale Partner ja eigentlich der Vater. Oder ein Bruder.“ Das wäre dann Inzucht. Das kommt aber in der Natur kaum vor. Deshalb vermuten die Bielefelder Forscher, dass letztendlich ausschlaggebend der Geruchssinn ist. Das wollen sie nun mit intensiven Versuchsreihen beweisen. Dafür wurden in eine Voliere fünf Zebrafinken zusammengeführt. Drei Männchen und zwei Weibchen. Eines der Männchen ist ein unbekannter genetischer Bruder. „Jetzt wollen wir herausfinden, für welches Männchen sich das Weibchen entscheidet.“ Zu diesem Zweck beobachtet Sarah Gölicke das Verhalten der Vögel genau.

Kuscheln vor der Partnerwahl

„Wenn die Vögel miteinander kuscheln oder schnäbeln sind das gute Anhaltspunkte, um herauszufinden wen das Weibchen mag.“ Letztendlich wird per Vaterschaftstest überprüft, ob die Beobachtung von Sarah Gölicke stimmen. Oft wählt das Weibchen eher aggressive Männchen. Das erstaunt die Bielefelder Forscher nicht. In vergangenen Versuchsreihen haben sie nämlich schon herausgefunden, dass friedfertige Männchen keine große Lust haben sich fortzupflanzen. Das ist nur eine von vielen Erkenntnissen, die die Verhaltensforscher in Bielefeld zusammenpuzzeln. „Wir wollen verstehen, wie Individualität zustande kommt.“ wünscht sich Prof. Krüger. Also welche genetischen Schalter oder Umwelteinflüsse dazu führen, das Lebewesen so sind, wie sie sind. Einige Ergebnisse scheinen auf Menschen übertragbar. Andere nicht. Die Forschungsergebnisse hier beziehen sich vor allem erst einmal auf Zebrafinken, betont der Verhaltensforscher. Denn Zebrafinken sind nun mal Vögel und keine Homo Sapiens.

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