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Der Spion im Auto: Entwicklung von Fahrassistenzsystemen

19.10.2015, von , in Karte anzeigen

 

Kameras dokumentieren das Fahrverhalten - auch in schwierigen Situationen

Kameras dokumentieren das Fahrverhalten – auch in schwierigen Situationen

Weniger Unfälle auf europäischen Straßen und weniger Emissionen trotz steigender Verkehrsdichte – so lautet ein Ziel der EU. Aber wie kann es erreicht werden? Eine völlig neue Forschungsmethode soll dabei helfen: Sie heißt „Naturalistic Driving“ und wird erstmals in einer groß angelegten europäischen Studie angewendet. Beteiligt ist unter anderem das Deutsche Zentrum für Luft und Raumfahrt in Braunschweig (DLR). Forscher schicken dort jetzt private Autofahrer auf die Straße und beobachten sie knapp zwei Jahre lang im alltäglichen Straßenverkehr mit Kameras für jede Blickbewegung des Fahrers und Sensoren, die unter anderem Geschwindigkeiten sowie Abstände zu anderen Fahrzeugen messen. So wollen die Forscher herausfinden, was in welchen Situationen genau passiert, was wichtig ist und wo etwas wieso schief gehen kann. Mit diesem Wissen könnten schließlich neue Assistenzsysteme entwickelt werden. Carmen Woisczyk hat einen Testfahrer begleitet.


Insgesamt sind sieben Kameras im Auto verbaut: Eine davon ist vorne links an der Windschutzscheibe angebracht. Sie filmt jede Augenbewegung des Fahrers: Hat er alles im Blick? Zwei weitere Kameras zeichnen seine Fuß- und Handbewegungen auf: Ist er bremsbereit, und hat er die Hände am Steuer? Eine weitere neben dem Rückspiegel filmt den gesamten Innenraum, auch andere Fahrgäste: Lenken sie den Fahrer in bestimmten Situationen eventuell ab?

Fahrverhalten unter Dauerbeobachtung

Auch die jeweilige Verkehrssituation wird mit aufgezeichnet

Auch die jeweilige Verkehrssituation wird mit aufgezeichnet

Außerdem sind drei Kameras auf die Straße gerichtet und dokumentieren alles, was sich in unmittelbarer Nähe des Autos abspielt. Die so gesammelten Daten werden später anonymisiert und ausgewertet. Den Fahrer stören die Spione in seinem Auto schon nach kurzer Zeit nicht mehr. Denn sie sind winzig und so unauffällig platziert, dass er sie beinahe vergisst, sagt er. Genau das wollen die Wissenschaftler mit der neuen Forschungsmethode erreichen. Der Fahrer soll sich nicht wie in einem Experiment vorkommen, sondern sich ganz normal verhalten – so natürlich wie immer. Das ist neu. Denn bisher wurden Fahrer nur in bestimmten Situationen zum Beispiel auf einer Teststrecke in ihrem Verhalten beobachtet. Mit der neuen Forschungsmethode untersuchen die Forscher dagegen das Alltagsverhalten über einen sehr langen Zeitraum von knapp zwei Jahren und zwar so detailliert wie nur möglich.

Gefahrensituationen erkennen

Die Kamera wird justiert (Foto: NDR)

Die Kamera wird justiert

Neben den Kameras haben sie deshalb auch Sensoren im Auto platziert. Sie messen unter anderem Abstände zu vorausfahrenden Fahrzeugen, mit einer Antenne auf dem Dach wird die Position des Testfahrzeugs bestimmt, und die Geschwindigkeit wird gemessen. Auch Wetterdaten und Straßenverhältnisse spielen eine Rolle. Die Forscher interessieren sich vor allem für kritische Situationen wie zum Beispiel das Abbiegen auf großen Kreuzungen. Denn dort passieren häufig Unfälle. Aber auch Situationen, in denen es nur beinahe zum Unfall gekommen ist, werten sie später am Computer gezielt aus. Sie schauen sich das Filmmaterial der Kameras in solchen Situationen genau an und vergleichen es mit Videos von anderen Fahrern in ähnlichen Situationen.

Entwicklung von Assistenzsystemen

Ein spezielles Computerprogramm hilft dabei, diese bestimmten Situationen gezielt herauszufiltern. Die Forscher geben zum Beispiel in den Filter ein, dass sie nur Videoaufnahmen von Situationen ansehen wollen, in denen der Fahrer plötzlich stark gebremst hat während er auf einer Kreuzung abgebogen ist.

Fährt der Fahrer konzentriert oder ist er -z.B. durch Mitreisende -abgelenkt?

Fährt der Fahrer konzentriert oder ist er -z.B. durch Mitreisende -abgelenkt?

Erst dann analysieren sie alle Kameraaufnahmen und Sensordaten haargenau. Wenn die Forscher zum Beispiel herausfinden würden, dass immer dann, wenn beim Abbiegen gebremst wurde, ein Fußgänger über die Straße ging, den der Fahrer erst zu spät gesehen hat, weil er durch ein parkendes Fahrzeug verdeckt wurde, dann könnte man ein Assistenzsystem entwickeln, das in Zukunft besser auf verdeckte Fußgänger hinweist. Aber noch ist es nicht soweit: Bis erste Erkenntnisse vorliegen, könnte es noch Jahre dauern, sagen die Forscher. Die Daten müssen erst noch mit der neuen Forschungsmethode „Naturalistic Driving“ gesammelt werden. Insgesamt machen das mehr als 200 PKW-, LKW-, und Motorradfahrer in ganz Europa. 14 Teilnehmer sind es aktuell in Deutschland beim DLR in Braunschweig. Dort werden noch Testfahrer für die Studie gesucht.

Infos über die Teilnahme: www.dlr.de/ts/udrive

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