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Die Klangwelt der Natur – Soundscape-Ökologie

03.08.2015, von , in Karte anzeigen

 

Der Umweltwissenschaftler Hannes Röske hält eine Karte der Schorfheide in der Hand. Auf ihr sind die Standorte markiert, an denen Mikrofonkästen hängen sollen.

Der Umweltwissenschaftler Hannes Röske hält eine Karte der Schorfheide in der Hand. Auf ihr sind die Standorte markiert, an denen Mikrofonkästen hängen sollen.

Wie klingt eine Landschaft? Welche Tiere beeinflussen die Klänge und welche Rolle spielt der Mensch in der Geräuschkulisse? Diese Fragen erforschen Ökologen der Klanglandschaften, auch Soundscape Ökologen genannt. Ihre Disziplin ist noch sehr jung, erst einige Jahre alt. Wissenschaftler der Soundscape Ökologie nehmen die Geräusche einer Landschaft auf und analysieren sie. Doch wie erfolgreich ist die neue Disziplin? Kann sie interessante Details über das Verhalten der Tiere hervorbringen? Das untersuchen Wissenschaftler der Universität Freiburg am Institut für Biologie. Sie hängen 300 Mikrofone in deutschen Naturräumen auf, zum Beispiel in der Schorfheide nördlich von Berlin. Julia Beißwenger war dabei.


Hannes Röske schraubt eine Halterung zur Aufhängung an den Mikrofonkasten.

Hannes Röske schraubt eine Halterung zur Aufhängung an den Mikrofonkasten.

Jede Landschaft klingt anders

Zwölf bis dreizehn Stunden ist der Umweltwissenschaftler Hannes Röske täglich unterwegs, um Kästen mit Mikrofonen aufzuhängen. 100 Kästen hat er bereits in der Schwäbischen Alb verteilt. Genauso viele sollen jeweils im Nationalpark Hainich in Thüringen und in der brandenburgischen Schorfheide zum Einsatz kommen. Ihre Kiefern-, Eichen- und Buchenwälder, ihre Wiesen und Flüsse bergen verschiedene Klanglandschaften. Darum fährt Hannes Röske viele Standorte an.

Elektronik steuert Aufnahmen

Mit Kabelbindern befestigt Hannes Röske den Mikrofonkasten an einem Zaun. Sein Kollege Andreas Ziebel notiert die Kastennummer und die Uhrzeit.

Mit Kabelbindern befestigt Hannes Röske den Mikrofonkasten an einem Zaun. Sein Kollege Andreas Ziebel notiert die Kastennummer und die Uhrzeit.

Ein Mikrofonkasten ist in etwa so groß wie ein Verbandskasten. Im Innern befinden sich zwei Mikrofone. Das eine nimmt über ein Jahr tagsüber alle 10 Minuten eine Minute lang die Klanglandschaft auf. Das andere Mikrofon übernimmt dieselbe Aufgabe in der Nacht. Es ist besonders empfindlich für die hohen Frequenzen der Fledermäuse, die im Dunkeln unterwegs sind.  Eine kleine Elektronik steuert die Aufnahmen, eine SD-Karte speichert sie. Der Kasten enthält außerdem einen Wetterchip, der Lufttemperatur, Luftfeuchte und Luftdruck misst. „So können wir im Nachhinein analysieren, wie sich die Klanglandschaften durch das Wetter verändern“, sagt Hannes Röske.

Der Klang der Vielfalt

Der Mikrofonkasten mit der Nummer 117 hängt an seinem Platz in einem Kiefernwald der Schorfheide.

Der Mikrofonkasten mit der Nummer 117 hängt an seinem Platz in einem Kiefernwald der Schorfheide.

Im Dickicht des Waldes finden er und sein Kollege Andreas Ziebel einen Drahtzaun, der eine etwa zehn Quadratmeter große Fläche einschließt. Der Zaun wurde vom Gesamtprojekt Biodiversitätsexploration eingerichtet. „Viele Forschergruppen sind mit unterschiedlichen Projekten beteiligt. Sie untersuchen zum Beispiel den Boden des Waldes, die Laubdichte oder Baumdicken“, erzählt Hannes Röske.  Mit Kabelbindern befestigt er den Mikrofonkasten am Zaun. Wichtig ist, dass die Kästen immer so aufgehängt werden, dass die Mikrofone nach Norden und Süden zeigen, denn nur dann liefern sie vergleichbare Daten.

Konzert für röhrende Hirsche und Fledermäuse
Es würde 30 Jahre dauern, alle Aufnahmen anzuhören, die die 300 Kästen in dem Versuchsjahr speichern. Ein Computerprogramm wird daher die Analyse übernehmen. Es soll zum Beispiel errechnen, welche Frequenzen zu welchen Tages- und Jahreszeiten zu hören sind. Die Frequenzen wiederum geben Aufschluss über die Artenvielfalt, denn in der Natur besetzen die Tiere akustische Nischen, erklärt Andreas Ziebel: „Ein röhrender Hirsch zum Beispiel besetzt tiefe Frequenzen, eine Fledermaus sehr hohe. Indem sich die Tiere die möglichen Frequenzen teilen, sorgen sie dafür, dass sie von ihren Artgenossen gehört werden.“

Hannes Röske und Andreas Ziebel hängen 15 bis 25 Kästen pro Tag auf.

Hannes Röske und Andreas Ziebel hängen 15 bis 25 Kästen pro Tag auf.

Klang, Wetter und Jahreszeiten

Eigentlich ist die Artenvielfalt in den Versuchsgebieten bereits relativ gut bekannt. Die Freiburger Soundscape Ökologen nutzen dieses Wissen um zu testen, ob der Computer anhand der Aufnahmen, die Artenvielfalt richtig errechnen kann. Zudem hoffen sie, dass ihre wissenschaftliche Methode neue Detailerkenntnisse liefert. Bisher mussten Forscher raus in die Natur, um Tiere zu kartieren. Das ist aufwendig und nur sporadisch möglich. Zudem beeinflusst die Anwesenheit des Menschen das Verhalten der Tiere. „Unsere Aufnahmen dagegen schaffen selbständig einen breiten Überblick über die Klanglandschaft zu verschiedenen Uhrzeiten, Wetterbedingungen und Jahreszeiten. Daraus werden sich neue Beobachtungen ergeben“, sagt Hannes Röske. Auf die Ergebnisse ist er gespannt.

 

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