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Grüne Invasion: Auf Pflanzenjagd im Stadtdschungel

27.07.2015, von , in Karte anzeigen

Das Greiskraut heißt so wie es aussieht, wie das Haupt eines Greises mit weißem Haar

Das Greiskraut heißt so wie es aussieht, wie das Haupt eines Greises mit weißem Haar

Immer mehr neue Pflanzenarten tauchen in Deutschland auf. Vor allem große Städte sind laut Bundesamt für Naturschutz regelrechte Einfallstore für grüne Neuankömmlinge. Aber wer sind diese Einwanderer und woher kommen sie? Sollten wir uns über neue Pflanzen freuen oder sie bekämpfen? Antworten auf diese Fragen suchen Vegetationsökologen der TU Braunschweig ganz in der Nähe einer Autobahnauffahrt – an einer vielbefahrenen Straße im Norden der Stadt. Dieses Gebiet ist das artenreichste in ganz Niedersachsen. Carmen Woisczyk hat die Forscher begleitet.

Dutzende Samen in einer Schote der Hohen Rauke warten nur darauf am Straßenrand zu keimen

Dutzende Samen in einer Schote der Hohen Rauke warten nur darauf am Straßenrand zu keimen

 

Blinde Passagiere

Lärm, Autoabgase und Fußtritte von Passanten – und doch wachsen auf dem Bürgersteig, zwischen parkenden Autos und auch noch in der kleinsten Ritze am Straßenrand hunderte verschiedene Pflanzenarten. Viele neue Arten sind Gartenflüchtlinge oder kommen als blinde Passagiere aus dem Ausland über die Autobahnen. Sie kleben als Samen im Autoreifen oder werden durch Wirbelschleppen von vorbeifahren LKW mitgerissen. Darunter sind zum Beispiel das gelb blühende Greiskraut, die weiß blühende Graukresse mit ihren behaarten, silbergrauen Blättern oder die Hohe Rauke mit Samenständen, die wie Erbsenschoten aussehen.

Die Braunschweiger Forscher untersuchen regelmäßig das Vorkommen dieser und anderer so genannter Neophyten. Das sind gebietsfremde Pflanzenarten, die nach der Entdeckung Amerikas im Jahr 1492 nach Europa eingewandert sind. Die Vegetationsökologen vermuten, dass durch den Klimawandel immer mehr neue Arten heimisch werden, die es sonst eher wärmer und trocken mögen. So können sie mit wenig Wasser auch in der kleinsten Fahrbahn- oder Gehwegritze gedeihen.

Der Stechapfel ist eine Giftpflanze

Der Stechapfel ist eine Giftpflanze

Städte sind artenreicher als das Umland

Auf einem zuvor festgelegten Abschnitt zwischen der Autobahn und einer Tankstelle werden die Standorte neuer Arten kartiert. Die Pflanzen werden gezählt und bei besonders interessanten Arten werden auch Samen mitgenommen oder Bodenproben genommen. Später im Labor wird unter anderem der Schwermetall- und der Salzgehalt der Bodenproben untersucht oder die Keimfähigkeit der Samen bei unterschiedlichen Temperaturen wird geprüft. Nicht jede neue Art wird mit offenen Armen empfangen. Zum Beispiel der Riesen-Bärenklau, eine Giftpflanze aus dem Kaukasus wird systematisch bekämpft. Denn Berührungen in Verbindung mit Tageslicht können bei Menschen und Säugetieren zu schmerzhaften Quaddeln führen. Auch die Ambrosia, die allergische Reaktionen verursachen kann, wird nicht geduldet. Doch die meisten neuen Pflanzen werden toleriert. So sind viele Städte heutzutage artenreicher als das Umland. Das liegt unter anderem daran, dass Landwirte ihre Felder mit Herbiziden bekämpfen. Klatschmohn oder Kornblumen sucht man auf vielen Äckern vergebens. Nur an den Straßenrändern oder auf extra angelegten Blühstreifen in der Stadt finden sie Nischen und überleben.

Autobahnauf- und abfahrten wie diese sind Einfallstore für gebietsfremde Pflanzen wie die Graukresse

Autobahnauf- und abfahrten wie diese sind Einfallstore für gebietsfremde Pflanzen wie die Graukresse

Mehr mediterrane Pflanzen siedeln sich an

Auf dem Abschnitt zwischen der Autobahnzufahrt und der Tankstelle haben die Forscher aktuell zwar keine neue Art entdecken können, die es vorher noch nicht dort gab. Dennoch bestätigt sich ihre Vermutung, dass sich im Vergleich zu früheren Beobachtungen mehr mediterrane Pflanzenarten dort behaupten und dauerhaft ansiedeln. Es könnte mit dem Klimawandel zusammenhängen, aber auch mit der stetig wachsenden Mobilität: Immer mehr Autos auf den Straßen und Waren aus dem Ausland – das bedeutet, dass es auch immer mehr Mitreisemöglichkeiten für Samenkörner gibt, die als blinde Passagiere neue Welten erobern.

 

 

 

 

 

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