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Fahrstuhl für Fische

23.06.2015, von , in Karte anzeigen

Blick auf den Fischlifteingang. Wie schnell finden die Fische da wieder heraus? (Foto: Imke Boeckmann)

Blick auf den Fischlifteingang. Wie schnell finden die Fische da wieder heraus?

Frei und ungehindert stromauf- oder stromabwärts schwimmen. Das können Fische in den meisten Flüssen nicht mehr. An Stauwehren heißt es für sie Stopp. Bei geringen Höhenunterschieden können zwar Fischtreppen den Tieren Auf- und Abstieg ermöglichen. Bei besonders hohen Stauwehren ist eine solche Konstruktion aber meist viel zu aufwendig. Deswegen soll nun eine Neuentwicklung weiterhelfen: der Fischlift. Ob Brasse, Zander und Lachs bereitwillig den Fahrstuhl nutzen? Biologe Andreas Hoffmann vom „Büro für Umweltplanung, Gewässermanagement und Fischerei“ und ein Forscherteam vom Karlsruher Institut für Technologie untersuchen das. Leila Knüppel hat sie begleitet.

Als verwaschene Schemen sind die Lachse durch die Wasseroberfläche zu erkennen, wie sie sich im Kanal gegen die Strömung stellen. Versuchsleiter Andreas Hoffmann steht an der Seite des extra für die Fischlift-Untersuchungen gebauten Wasserstroms, im Wasserbaulaboratorium des Karlsruher Institut für Technologie.

Angespannt späht der Biologe auf die sechs Fische im Kanal. Einige Meter sind die Tiere noch vom Eingang des Fischlifts entfernt. Eigentlich sollen sie nun hineinschwimmen. Über einen Meter hoch und nicht ganz einen halben Meter breit ist die Einstiegsluke – groß genug für die handtellergroßen Fische. Aber bisher zieren sich die Tiere. Schließlich sei der Lift ein unbekanntes Terrain, in der Feinde lauern könnten, sagt Hoffmann. Das Hoch- und Runterfahren des Fischlifts selbst sei kein Problem. Die Tiere in den Fahrstuhl hinein- und wieder hinaus zu bekommen – das sei die Herausforderung. Dabei hilft die Strömung. Pumpen sorgen hier im Laboratorium dafür, dass sich beständig neue Fluten in den Kanal ergießen – eine moderate Strömung, die die Fische Richtung Lifteingang dirigiert.

Einjährige Lachse. (Foto: Leila Knüppel)

Einjährige Lachse: Bei dem Lift-Versuch geleitet die Strömung die Tiere in den Lift – und wieder hinaus.

Fahrstuhl für Lachse
Denn die einjährigen Versuchslachse im Kanal haben nur ein Ziel, erklärt Hoffmann: mit der Strömung den Fluss hinabschwimmen, ins Meer.Dann hat der Versuchsleiter keine Zeit mehr für weitere Erklärungen: Der erste Lachs hat sich getraut – und ist im Lifteingang verschwunden. Über Walkie-Talkie verständigt Hoffmann seine Kollegin, die über Kameras den Lifteingang überwacht; doppelt hält besser. Auch der zweite Lachs verschwindet im Fahrstuhl – kommt aber gleich wieder aus dem Eingang herausgeschossen.

Damit die Tiere der Strömung folgen und möglichst zügig in den Lift schwimmen, haben das Wissenschaftsteam am Karlsruher Institut für Technologie lange an der Form des Kanals gearbeitet. Schritt für Schritt haben die Biologen und Ingenieure den Strömungsverlauf optimiert. Keine Wasserwirbel, keine anderen Störungen dürfen die Tiere ablenken: Der Kanal ist deswegen in einem nüchternen grau gestrichen. Steinchen oder Pflanzen – Fehlanzeige. Eine schwarze Plastikplane schirmt den künstlichen Strom gegen Lichtreflexe ab.

Barrierefreies Schwimmen für Fische
Der Grund für die Fischlift-Versuche in Karlsruhe, er liegt über 300 Kilometer weiter nördlich: der Baldeneysee in der Nähe von Essen. Für die Städter aus dem Ruhrgebiet ist der Stausee mit Strandbar und Bootsverleih ein beliebtes Ausflugsziel. Für die Fische, die sich mittlerweile wieder zahlreich in der Ruhr tummeln, ist der künstliche See dagegen ein Hindernis. Denn weiter als bis zum etwa neun Meter hohen Stauwehr kommen die Tiere nicht. Das muss der Ruhrverband jetzt ändern. Bis 2027 sollen Fließgewässer wie die Ruhr wieder für Fische und andere Lebewesen durchgängig seien, schreibt die EU-Wasserrahmenrichtlinie vor.
Ein Fischtreppe, wie sie sonst für Fische gebaut wird, damit sie Höhenunterschiede überwinden können – das ließe sich am Baldeneysee allerdings nur schwer realisieren: Kein Platz, zu aufwändig, zu teuer. Das Wehr ist einfach zu hoch. Deswegen haben sich das Land Nordrhein-Westfalen und der Ruhrverband nach anderen, kostengünstigeren Möglichkeiten umgesehen: dem Hydro-Fischlift. Kosten, schätzungsweise zwei Millionen Euro.

Einfangen der Fische

Einfangen der Fische

Eine erste kleine Pilotanlage wurde im Sommer vergangenen Jahres im Allgäu an der Argen aufgestellt. Ob die Fische den Lift aber auch wirklich nutzen, das wurde bisher nicht groß getestet. Die Versuche von Andreas Hoffmann und seinem Team sind also Pionierarbeit in Sachen Fischlift.

Am Karlsruher Institut für Technologie sind mittlerweile alle Lachse im Lift verschwunden, etwa eine Viertelstunde haben sie dafür gebraucht. Statt Andreas Hoffman und seine Kollegin soll in der Praxis ein Sonar die Fische registrieren, die in den Lift einschwimmen. Sobald genug Tiere im Fahrstuhl sind, setzt sich dieser in Bewegung. Neun Meter hinauf in etwa drei Minuten.

Der Lift funktioniert ähnlich wie eine Schleuse, erklärt Georg Baumann, der Entwickler des ungewöhnlichen Fortbewegungsmittels für Fische. Er arbeitet in der Firma „Baumann Hydrotec“ – und ist extra aus dem Allgäu nach Karlsruhe gekommen, um das Lachs-Experiment hautnah mitzuerleben. Wie er auf die Idee gekommen ist, einen Aufzug für Fische zu konstruieren? – „Was macht man, wenn man die Treppe nicht nutzen kann: Man nimmt den Lift.“ – Ziemlich einleuchtend, die Erklärung.

Hier im Versuchslabor bewegt sich der Aufzug allerdings keinen Meter nach oben. Er bleibt einfach im Erdgeschoss stehen. Schließlich geht es bei dem Experiment nur darum, ob die Fische in den Lift schwimmen – und hinaus.

Biologe Hoffmann bei der Arbeit

Biologe Hoffmann bei der Arbeit

Andreas Hoffmann hat die Seiten gewechselt, steht nun am Ausgang des Aufzugs: Diesmal flitzen die Lachse nur so aus dem Lift. Der Biologe kommt mit seinen Walkie-Talkie-Ansagen an seine Kollegin kaum hinterher: ein Fisch raus, zwei, drei, vier… Die Lachse gehören zu den letzten, die für Forschungszwecke durch den Aufzug schwimmen. Etwa 15 Fischarten aus der Ruhr hat Hoffman bereits getestet. Erfolgreich.

Dem Liftbau am Baldeneysee steht damit nichts mehr im Wege. Anfang kommenden Jahres möchten das Land Nordrhein-Westfalen und der Ruhrverband mit dem Bau beginnen.

 

Informationen des Büros für Umweltplanung, Gewässermanagement und Fischerei zu den Untersuchungen: http://www.bugefi.de/

Video von den Untersuchungen zum Fischlift am Karlsruher Institut für Technologie:

http://www.bugefi.de/Filme/Hauptversuch_Stroemung.MP4

Informationen zur Funktionsweise der Fischlifts von den Firmen „Baumann Montagen“ und „Hydro Energie Roth“, die den Fischlift entwickelt haben:

http://hydro-fischlift.de/

 

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