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In der Tierpathologie: Wolf auf dem Seziertisch

20.04.2015, von , in Karte anzeigen

Am Kopf des Wolfes sind Löcher, die Vögel gepickt haben.

Am Kopf des Wolfes sind Löcher, die Vögel gepickt haben.

Gut hundert Jahre lang gab es in Deutschland keine Wölfe. Dann, im Jahr 1998, wurden sie erstmals wieder hierzulande entdeckt und zwar in Sachsen. Inzwischen gibt es zahlreiche Rudel in ganz Nord- und Ostdeutschland. Nicht jeder ist darüber erfreut, denn teilweise reißen Wölfe Schafe und kommen Menschen sehr nah. Immer wieder gibt es auch Meldungen von illegal erschossenen Wölfen. In diesen Einzelfällen ermittelt die Polizei. Für Wissenschaftler dagegen ist jeder tote Wolf interessant. Sobald ein Kadaver gefunden wird, kommt er darum nach Berlin ans Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung. Dort untersuchen Tierpathologen, woran der Wolf gestorben ist. Außerdem wollen die Forscher herausfinden, wovon sich die neu nach Deutschland eingewanderte Art ernährt und wie es um ihre allgemeine Gesundheit bestellt ist. Rund hundert Wölfe wurden bereits in Berlin untersucht. Julia Beißwenger war dabei, als eine junge Wölfin aus Sachsen-Anhalt auf dem Seziertisch lag.

 

Die Tierpathologin Claudia Szentiks wiegt jeden toten Wolf, bevor sie ihn seziert.

Die Tierpathologin Claudia Szentiks wiegt jeden toten Wolf, bevor sie ihn seziert.

Spaziergänger hatten das tote Tier im Winter gefunden. Der Kadaver muss schon eine Weile draußen gelegen haben, denn teilweise ist er bereits mumifiziert, die Haut entsprechend schwarz und von ledriger Konsistenz. Da die Tierleiche durch das eisige Wetter ohnehin bereits gefroren war, haben die Verantwortlichen für das Wolfsmonitoring in Sachsen-Anhalt den Körper zunächst im Eisfach gelagert, bis sie Zeit fanden, ihn ans Berliner Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung zu überführen. Dort überprüft die Tierpathologin Claudia Szentiks zunächst das Gewicht der Wölfin. Sie ist nur rund 21 Kilogramm schwer. „Das Tier war noch nicht voll ausgewachsen, vermutlich wurde es nicht viel älter als ein Jahr“, sagt Claudia Szentiks.

Während die Bundesfreiwilligendienstlerin Nina Hartmann die Gliedmaßen der Wölfin festhält, schneidet Claudia Szentiks den Thorax der Wölfin auf.

Während die Bundesfreiwilligendienstlerin Nina Hartmann die Gliedmaßen der Wölfin festhält, schneidet Claudia Szentiks den Thorax der Wölfin auf.

Sie schneidet zunächst den Thorax auf. Der Brustkorb ist leer, Lunge und Herz fehlen. „Die wurden von Vögeln gefressen“, erklärt die Tierpathologin. Tatsächlich finden sich zahlreiche runde Löcher in der Haut. Vor allem Krähenvögel sind in der Lage, solch große Löcher zu picken, um die Organe herauszuziehen.

Claudia Szentiks schneidet als nächstes den Bauch auf. Auch viele Meter Darm haben die Vögel bereits gefressen. Nieren, Leber, Milz und Magen dagegen sind noch vorhanden. Diese Organe wird die Tierpathologin für weitergehende Untersuchungen herausnehmen. Zunächst kommt der Magen dran. Er ist sehr voll und größer als der Magen eines Menschen.

 

Claudia Szentiks löst den Magen aus dem Tierkörper. Am Magen hängt noch die Leber

Claudia Szentiks löst den Magen aus dem Tierkörper. Am Magen hängt noch die Leber

Sein Inhalt besteht aus Muskelgewebe, Fett, Knochenstücke und Fell, insgesamt sind es drei Kilogramm. Vermutlich stammen sie von einem Reh. Frau Szentiks packt den Mageninhalt in eine Tüte. Die wird an das Senckenberg-Museum für Naturkunde in Görlitz gehen, dort untersuchen Wissenschaftler den Mageninhalt jedes tot aufgefundenen Wolfes, um zu analysieren, von was sich die neu nach Deutschland eingewanderten Raubtiere genau ernähren.

Der Mageninhalt der toten Wölfin bestand aus Fleisch, Fett, Knochen und Fell eines Rehs.

Der Mageninhalt der toten Wölfin bestand aus Fleisch, Fett, Knochen und Fell eines Rehs.

Claudia Szentiks zerteilt als nächstes Milz, Leber, Nieren und die Reste des Darms. Für die einzelnen Proben liegen fast 200 kleine Tütchen auf einem Tisch bereit. Das Bundesforschungsinstitut für Risikobewertung zum Beispiel wird Organstücke auf bakterielle Aborterreger untersuchen, das Robert-Koch-Institut prüft unter anderem auf Herpesviren und das Forschungsinstitut Senckenberg in Gelnhausen nimmt genetische Untersuchungen vor. Auch am Leibniz Institut in Berlin werden die Wissenschaftler im Labor Organproben auf Krankheitserreger untersuchen.

Nina Hartmann und Claudia Szentiks verpacken Organproben, die an verschiedene Forschungsinstitute geschickt werden.

Nina Hartmann und Claudia Szentiks verpacken Organproben, die an verschiedene Forschungsinstitute geschickt werden.

Die können auch im Gehirn sitzen. Claudia Szentiks nimmt daher eine elektrische Säge und öffnet die Schädeldecke der Wölfin. Aufgrund der Verwesung ist das Gehirn bereits sehr weich und von rot-brauner Farbe. Hiervon nimmt die Tierpathologin Proben, um das Tier unter anderem auf Tollwut untersuchen zu lassen. Glücklicherweise ist in Deutschland seit 2008 kein Fall von Tollwut mehr aufgetreten.

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