. .

Ein Projekt von: BR | NDR | SWR | WDR

Knochendetektive – Skelette erzählen ihre Geschichte

22.09.2014, von , in Karte anzeigen

Individuum Nr. 14 (Foto: BR/ © Inga Pflug)

Individuum Nr. 14 wird untersucht

Fast 70 Skelette sind bei den Bauarbeiten für das geplante Tiefdepot des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg aufgetaucht. Die Knochen stammen aus dem 15. Jahrhundert, das haben Untersuchungen ergeben. Um Kartäusermönche handelte es sich nach den ersten Vermutungen. Schließlich steht das Museum auf dem Areal eines einstigen Kartäuser-Klosters. Doch ist das auch so? Zeugen oder Aufzeichnungen gibt es nicht. Doch die Knochen haben so einiges über sich zu erzählen. Inga Pflug hat eine Archäologin begleitet, die die Sprache der mysteriösen Knochen spricht.

Teile eines Hüftknochens (Foto: BR /© Inga Pflug)

Teile eines Hüftknochens

Eigentlich wollten die Bauarbeiter im Innenhof des Germanischen Nationalmuseums (GNM) in Nürnberg nur eine Baugrube ausheben. Ein neues Depot für die Museumsschätze soll dort auf fünf Etagen unter der Erde entstehen. Doch dann machten die Arbeiter eine aufsehenerregende Entdeckung:  Im Sandboden lagen dutzende Skelette. Insgesamt 67 Gerippe brachten die Grabungen schließlich zu Tage.

Knochenpuzzle für Fortgeschrittene

Oberschenkelknochen und Oberschenkelknochenmodell (Foto: BR/ © Inga Pflug)

Oberschenkelknochen und Oberschenkelknochenmodell

Die erste Vermutung: Bei den Knochen könnte es sich um die Gebeine von Kartäuser-Mönchen handeln, die hier bestattet wurden. Schließlich steht das Museum auf dem Areal eines einstigen Kartäuser-Klosters, alle wurden nach christlichen Ritualen beerdigt. Wer die Toten wirklich sind, wie sie gelebt haben und woran sie gestorben sind, soll Archäologin Melanie Langbein herausfinden. Die jahrhundertealten Knochen geben ihr auch Auskunft über Krankheiten, Ernährungsgewohnheiten und Alter der Toten.

Das Gebiss verrät eine gewisse Vorliebe für Mehlspeisen (Foto: BR / Inga Pflug)

Das Gebiss verrät eine gewisse Vorliebe für Mehlspeisen

Dafür muss die Archäologin die Skelette allerdings zuerst wieder zusammenpuzzeln. Bestimmte Merkmale an der Hüfte und den Schädelknochen verraten Melanie Langbein, dass es sich bei „Individuum Nr. 14“ um einen Mann gehandelt hat. Am Zustand seiner Schädelplatten kann Langbein außerdem ablesen, wie alt er geworden ist. Je älter, desto fester sind die Platten verwachsen. „Individuum Nr. 14“ wurde wohl über 60 Jahre alt.

Beim Vergleich der Extremitäten stellt Melanie Langbein fest, dass er Rechtshänder war und aus der Länge seines Oberschenkels berechnet die seine Gesamtkörpergröße: knapp 186 Meter. Am nahezu vollständigen Gebiss des Mannes kann die Archäologin außerdem erkennen, dass sich „Individuum Nr. 14“ hauptsächlich von mehlhaltigen Speisen ernährt hat: Seine Backenzähne sind deutlich abgeschliffen. Das kommt davon, dass bei der Mehlherstellung immer auch Staub vom Mahlstein mit ins Mehl gekommen ist. Und der hat die Zähne abgeschmirgelt, beschreibt die Archäologin.

Schwerstarbeit im Mittelalter
Soweit spricht noch nichts gegen die Mönch-Theorie. Allerdings weisen die Knochen von  „Individuum Nr. 14“    – wie die der anderen Toten  auch – starke Veränderungen auf, die nur bei extremen körperlichen Belastungen entstehen können: Dort, wo Muskeln und Sehnen ansetzen, sind deutliche Verknöcherungen zu sehen. Insgesamt belegen die Knochen, dass die Menschen, die hier bestatten wurden, sehr muskulös waren und hart gearbeitet haben.

Verknöcherungen (Foto: BR/ © Inga Pflug)

Verknöcherungen deuten auf schwere körperliche Arbeit hin

„Wenn es Zünfte in Nürnberg gegeben hätte, hätten wir hier wohl die Hinterbliebenen der Türsteher-Zunft“, schmunzelt Melanie Langbein. „Haben wir aber nicht.“ Fest steht: Pathologischen Abnutzungserscheinungen wie die Skelette aus der Baugrube, hätten Mönche nicht gehabt. Inzwischen hat sich außerdem herausgestellt, dass mindestens zwei Frauen unter den Skeletten sind.

Und dass Frauen zwischen Mönchen bestattet wurden, hält Melanie Langbein für ausgeschlossen. Stattdessen rücken nun andere Berufsgruppen Nürnbergs des 15. Jahrhundert ins Blickfeld. Waren es die Drahtzieher, die ihre schwere körperliche Arbeit im Sitzen ausgeübt haben? Hypothesen gibt es viele, aber die hält Melanie Langbein vorerst noch für sich. Wer die Toten wirklich waren, das müssen nun die weiteren Untersuchungen der Archäologin zeigen.  „Sobald wir Sicherheit haben in die eine oder die andere Richtung, werden wir glücklich sein, die mit der Allgemeinheit zu teilen.“

Share

Schreibe einen Kommentar

*

Kartendarstellung

Karte
 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019