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Teilgelähmte lernen wieder gehen – mit einem Roboteranzug

05.09.2014, von , in Karte anzeigen

robot

Science-Fiction in der Medizin: der „HAL Roboteranzug“

Sie sehen aus wie Requisiten aus einem Science-Fiction-Film, doch sie sind schon heute Realität: „HAL Roboteranzüge“. Querschnittsgelähmte trainieren mit ihnen, um wieder besser in Bewegung zu kommen. Seit zwei Jahren erforscht das Bochumer Bergmannsheil als erste Klinik in Deutschland den Anzug und bringt ihn in der Therapie zum Einsatz. Johannes Döbbelt war beim roboter-gestützen Training dabei.

Japanische Wissenschaftler haben den Roboteranzug entwickelt. HAL soll zum Beispiel Menschen helfen, die inkomplett, also nicht vollständig gelähmt sind. Viele dieser Patienten sind durch Verletzungen im Rückenmark auf den Rollstuhl angewiesen und können Füße und Beine kaum oder gar nicht bewegen. Dennoch sind sie in der Lage, über die Nervenbahnen schwache Signale an ihre Muskeln zu schicken. Diese Restsignale reichen jedoch nicht mehr aus, um etwa die Muskeln am Oberschenkel in Bewegung zu setzen.

Frau-Dings

Gina Nolte beim Training. Die 54-Jährige ist seit einer Operation am Rückenmark querschnittsgelähmt.

So ist es auch bei Gina Nolte. Die 54-Jährige aus Niedersachsen ist querschnittsgelähmt, seit ihr bei einer Operation ein gutartiger Tumor aus dem Rückenmark entfernt wurde. Mit dem HAL-Roboteranzug will sie nun wieder Stück für Stück lernen, ihre Muskeln in Bewegung zu bringen.

HAL steht für „Hybrid Assistive Limb“, hybride unterstützende Gliedmaße. Das Prinzip:
Elektroden auf der Haut nehmen die abgeschwächten elektrischen Signale auf, die das Gehirn zu den Muskeln sendet. Der HAL-Anzug setzt diese Impulse dann in Bewegungsabläufe um: Über computergesteuerte Motoren am Hüft- und Kniegelenk werden die weißen Roboterbeine bewegt. Gina Nolte trägt den Anzug wie ein zweites Skelett an Beinen und Hüfte. So schafft sie es, auf einem Laufband einige Schritte bei langsamer Geschwindigkeit zu gehen. Immer dabei ist Therapeut Alexis Brinkemper, der den Roboter über eine Fernbedienung einstellt und Gina Nolte hilft, das Gleichgewicht zu halten.

Fernbedienung

Therapeut Alexis Brinkemper kontrolliert den Roboter mit der Fernbedienung

Der Roboteranzug nimmt den Patienten die Arbeit jedoch keineswegs ab, er unterstützt lediglich die Bewegungsabläufe. Schon nach wenigen Minuten Training steht Gina Nolte der Schweiß auf der Stirn. Sie trainiert Muskeln, die durch den Rollstuhl sonst kaum beansprucht sind. Diese Muskeln und die Areale im Gehirn, die für die Bewegung der Beine verantwortlich sind, sollen mit dem regelmäßigen Training wieder aktiviert werden.

Patienten wie  sollen sich so langfristig, auch ohne Roboteranzug, wieder besser bewegen können. Laut Bergmannsheil Klinik habe das Training bei den bislang etwa 40 behandelten Patienten erstaunliche Erfolge gebracht. Menschen, die sich zuvor ausschließlich im Rollstuhl fortbewegt haben, können nun etwa kurze Strecken mit dem Rollator zurücklegen. Gina Nolte trainiert nun seit fünf Wochen, jeden Tag zwei Stunden lang. Auch sie berichtet bereits von einigen Fortschritten: Sie spüre wieder Berührungen am linken Bein, kann einige Zehen ansteuern und fühle sich insgesamt wieder fit und vital.

Erste Schritte mit dem Roboteranzug

Mit dem Roboteranzug können inkomplett Gelähmte wieder erste Schritte machen. Nach langem und hartem Training auch wieder ohne.

In Japan sind die Roboteranzüge schon vergleichweise verbreitet: Dort kommen sie an etwa 200 Kliniken, Reha-Zentren oder Altenheimen zum Einsatz. In Deutschland setzen ihn mittlerweile auch berufsgenossenschaftliche Kliniken in Frankfurt und Berlin ein. Neben Querschnittsgelähmten sollen auch andere Patienten von der neuen Technik profitieren: An der Bergmannsheil Uniklinik in Bochum trainieren seit Juli auch Schlaganfallpatienten mit dem HAL-Anzug. Denkbar sei, so Klinik-Direktor Thomas Schildhauer, ebenfalls eine Therapie von Muskel- oder Nervenerkrankungen wie Multiple Sklerose.

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