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Stimulationshandschuh – Gehirnaktivierung für Schlaganfallpatienten

07.07.2014, von , in Karte anzeigen

Reporter Aeneas Rooch trainiert mit dem Stimulationshandschuh seinen Tastsinn (Foto: WDR)

Reporter Aeneas Rooch trainiert mit dem Stimulationshandschuh seinen Tastsinn

tNach einem Schlaganfall leiden Menschen häufig an Taubheit in Armen und Beinen, sie haben Probleme, etwas zu fühlen und sich zu bewegen. Durch Krankengymnastik kehren Gefühl und Geschicklichkeit manchmal zurück – dieses Neu-Lernen erforder aber harte Arbeit.
Neurologen aus Bochum haben eine Methode gefunden, den Tastsinn nebenbei zu trainieren, ohne aktive Übungen – es geht beim Lesen, beim Radiohören, beim Spazierengehen. Alles, was die Betroffenen tun müssen, ist: einen speziellen Handschuh anziehen. Unser Reporter Aeneas Rooch hat diesen Stimulationshandschuh selbst ausprobiert.

Seit vielen Jahren erforschen die Neurowissenschaftlicher Hubert Dinse, Martin Tegenthoff und ihre Mitarbeiter an der Ruhr-Universität Bochum und dem Universitätsklinikum Bergmannsheil den Zusammenha

Hubert Dinse mit einem Tast-Test (Foto: WDR)

Hubert Dinse mit einem Tast-Test: Wie beim Augenarzt gilt es hier, die Öffnung des Kreises zu erkennen (oben, rechts, unten oder links)

ng zwischen passiven Reizen und Fingerspitzengefühl. In Studien konnten sie zeigen, dass rhythmische Berührungen der Fingerkuppen den Tastsinn sowohl verbessern als auch verschlechtern können – je nach Rhythmus. Wählt man einen „Rhythmus“, der dem ähnelt, der im Gehirn besonders leicht Lernprozesse auslöst, so werden Hirnbereiche, die für Tasten zuständig sind, angeregt. Nach einiger Zeit verarbeitet das Gehirn durch diese Aktivierung Tast-Informationen besser als gewöhnlich – die Probanden können feiner fühlen. Diese Hirnstimulation lässt sich nicht nur durch Berührungen erreichen, sondern auch durch elektrische Impulse.
Hubert Dinse hat einen Handschuh entwickelt, durch den die Fingerkuppen elektrisch angeregt werden. Dazu sind in den Fingerspitzen Kontaktpolster eingenäht, über die ein schwacher elektrischen Strom auf die Fingerkuppen übertragen wird, genau im richtigen Rhythmus, um im Gehirn den Tastsinn zu trainieren.

Je enger zwei Nadelspitzen zusammenstehen, desto schwieriger ist es, sie tatsächlich auch als zwei eigene Spitzen zu fühlen. (Foto: WDR)

Je enger zwei Nadelspitzen zusammenstehen, desto schwieriger ist es, sie tatsächlich auch als zwei eigene Spitzen zu fühlen.

Reporter Aeneas Rooch will diesen faszinierenden Effekt selbst erfahren. Zuerst bestimmen er und Hubert Dinse, wie fein er ohne die Anregung des Stimulationshandschuhs fühlen kann. Er muss dazu zwei Nadelspitzen ertasten, die eng beieinander stehen. Je näher die Nadelspitzen einander sind, desto schwieriger ist es, sie als zwei getrennte Objekte zu fühlen. Die Grenze, ab wann man nur noch eine Nadelspitze fühlt, wird „Diskriminationsschwelle“ genannt und ist ein Maß dafür, wie fein die räumliche Tastauflösung ist – Experten sprechen, analog zur Sehschärfe, auch von der „Tastschärfe“. Alternativ lässt sich auch durch eine Tast-Tafel bestimmen, wie fein jemand fühlen kann: Der Proband muss bei Ringen, die in einen Plastikbogen gestanzt sind und die eine Öffnung besitzen – rechts, wie bei dem Buchstaben „C“, unten, links oder oben –, diese Öffnung ertasten, ganz genau wie bei den Landoltringen beim Augenarzt, nur dass es hier nicht um die räumliche Sehauflösung, sondern die Tastauflösung geht.

Reporter Aeneas Rooch mit mehr Fingerspitzengefühl - dank Stimulationshandschuh (Foto: WDR)

Reporter Aeneas Rooch mit mehr Fingerspitzengefühl – dank Stimulationshandschuh

Schließlich probiert Aeneas Rooch den Handschuh an. Er ist aus einer dehnbaren Kunstfaser gewebt, ähnlich einem Radfahrerhandschuh, und eng. Die eingewebten Polster, über die der Strom übertragen wird, müssen schließlich fest an den Fingerkuppen anliegen. Der Handschuh ist über ein dünnes Kabelbündel mit einer Steuerbox verbunden, die etwa so groß wie ein halbes Taschenbuch ist und über die die Benutzer die Stromstärke einstellen können, denn was als angenehm empfunden wird, ist individuell verschieden.
Das leichte Kribbeln in den Fingerspitzen ist für Aeneas Rooch ungewohnt, doch schon nach wenigen Augenblick spürt er es kaum noch. Eine knappe Stunde muss er den Handschuh nun tragen und seine Finger stimulieren lassen.

Der Stimulationshandschuh  © RUBIN, Foto: Nelle

Der Stimulationshandschuh (Foto: Rubin/Nelle)

Nach dem passiven Training misst Hubert Dinse noch einmal die Tastschärfe des Reporters. Tatsächlich hat sich der Tastsinn etwas verbessert: Strukturen und Oberflächen kann Aeneas Rooch nun feiner fühlen. Doch der Effekt wird nicht lang anhalten: Nach etwa einem Tag, sagt Neurowissenschaftler Dinse, wird sich die Verbesserung wieder zurückgebildet haben. Um den Effekt länger beizubehalten, müsse der Reporter den Handschuh regelmäßig benutzen – so wie er beispielsweise in der Rehabilitation bei Schlaganfallpatienten eingesetzt wird: An fünf Tagen pro Woche jeweils 45 Minuten.

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