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Angstfrei bis ins hohe Alter – Das Hausnotrufsystem „Fearless“

05.05.2014, von , in Karte anzeigen

Ein Sturz in der eigenen Wohnung kann fatale Folgen haben (Foto: BR)

Ein Sturz in der eigenen Wohnung (hier simuliert durch eine Versuchsperson) kann fatale Folgen haben

In der eigenen Wohnung stürzen und nicht gefunden werden – die Vorstellung ist schrecklich. Doch sie ist real: Gerade Senioren, die eigentlich noch rüstig sind und selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden leben wollen, treibt oft die Angst um, unbemerkt einen Unfall zu haben, nicht schnell genug Hilfe holen zu können und dann unentdeckt liegen zu bleiben. Das belegen unter anderem Studien der Forscher am Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre der Uni Bamberg. Das europäische Verbundprojekt FEARLESS (Fear Elimination as Resolution for Loosing Elderly’s Substantial Sorrows), an dem auch die Bamberger Psychologen beteiligt sind, will Alleinlebenden diese Sorge nehmen: Die Forscher haben einen Infrarot-Sensor entwickelt, der selbstständig Hilfe ruft, wenn eine Person stürzt. Reporterin  Inga Pflug hat sich das System vorführen lassen.

Der Sensor erkennt Unregelmäßigkeiten wie z.B. Stürze -  ohne die Bewohner wirklich zu überwachen.  (Foto: BR)

Der Sensor erkennt Unregelmäßigkeiten wie z.B. Stürze

Ein fest in der Wohnung installierter Sensor bemerkt einen Sturz und meldet diesen direkt an eine zugeschaltete Notrufzentrale. Die Mitarbeiter dort können sich am Computerbildschirm sofort einen Überblick über die Lage verschaffen: Ein aktuelles Standbild aus der Wohnung des Gestürzten zeigt ihnen, was passiert ist. Daraufhin können sie den Rettungsdienst oder einen Angehörigen alarmieren beziehungsweise mit dem Verunglückten Kontakt aufnehmen. Ein „Big Brother“ im eigenen Wohnzimmer soll das System aber nicht sein, betont Psychologe Claus-Christian Carbon. Das Hausnotrufsystem sendet kein Kamera-Livebild, sondern verarbeitet Daten eines Infrarot-Sensors.

„Es detektiert eher einen Sturz, als dass es viel sieht“, betont Claus-Christian Carbon. Und auch die übermittelten Bilder sind keine lebensechten Darstellungen sondern zeigen nur schemenhafte Umrisse der Situation vor Ort. Aussehen, Bekleidung oder „normales“ Verhalten bleiben privat, verspricht der Psychologe. „Diese schemenhaften Bilder kommen nur dann tatsächlich zur Übermittlung, wenn überhaupt etwas vorgefallen ist.“ Damit tragen die Forscher um Claus-Christian Carbon nicht nur dem Datenschutz Rechnung, sondern wollen so auch eine hohe Akzeptanz bei der Zielgruppe erreichen. „Und damit eben auch die Möglichkeit, dass ältere Menschen längere Zeit in ihren eigenen vier Wänden leben können“, so Carbon.

Claus-Christian Carbon kann mit dem Mointor zumindest ein schemenhaftes Bild des Geschehens in der Wohnung bekommen. (Foto: BR)

Mit dem Monitor kann man zumindest ein schemenhaftes Bild des Geschehens in der Wohnung bekommen.

Den Vorteil von FEARLESS gegenüber bereits etablierten Systemen wie Panikknöpfen, die in der Wohnung installiert, am Handgelenk oder um den Hals getragen werden, sehen die Forscher vor allem darin, dass der Gefallene selbst nicht mehr aktiv werden muss, um Hilfe zu holen. „Wenn sie einen Panikknopf hätten, mal abgesehen davon, dass sie vielleicht vergessen hätten ihn überhaupt umzuschnallen, ist dass sie unter Umständen vielleicht gar nicht mehr in der Lage wären, diesen Panikknopf auszulösen. Ganz einfach weil sie ohnmächtig sind“, beschreibt Carbon die Problematik.

Mit dem intelligenten Hausnotrufsystem soll diese Sorge der Vergangenheit angehören. Technische Herausforderung: Fehlalarme, etwa weil jemand am Boden liegend etwas unter dem Sofa hervor holt, soll es nicht geben. Eine individuell regelbare Latenzzeit zwischen Sturz und Alarmierung gibt dem Benutzer zusätzliche Sicherheit, beschreibt Stefan Ortlieb, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Bamberger Lehrstuhl für allgemeine Psychologie und Methodenlehre. Sicherheitshalber wird kurz nach der Alarmierung außerdem ein zweites Bild übermittelt. Zeigen die Umrisse, dass der Gestürzte wieder auf eigenen Beinen steht, ist der Fall gegebenenfalls mit einem Anruf erledigt.

Billig und leicht zu bedienen

Keine Totalüberwachung - zur Einschätzung der Lage vor Ort reichen die Bilder in der Regel aus.  (Foto: BR)

Keine Totalüberwachung – doch zur Einschätzung der Lage vor Ort reichen die Bilder in der Regel aus.

Die Technik von FEARLESS beruht auf den handelsüblichen Bewegungssensoren von Spielekonsolen. Das macht die Technik kostengünstig. Notwendig ist für die Datenübermittlung allerdings eine gute Internetverbindung. Außerdem wollen die Projektpartner noch das Aussehen des Sensors ansprechend und gleichzeitig unauffällig gestalten, so dass sich das Hausnotrufsystem zum einen in das Erscheinungsbild der Wohnung einfügt und das Gerät zum anderen keine Brandmarkung darstellt. Denn oberste Priorität der Forscher in Bamberg hat die Akzeptanz ihres Geräts. Derzeit laufen Studien mit Probanden in verschiedenen europäischen Ländern. Anwendbar wäre das System auch für Epilepsie-Patienten oder andere sturzgefährdete Personen. Voraussichtlich 2015 soll es auf den Markt kommen. Stürze verhindern wird es nicht. Aber unentdeckte Sturzopfer könnten dann der Vergangenheit angehören.

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