. .

Ein Projekt von: BR | NDR | SWR | WDR

Töpfern wie im Mittelalter

23.07.2013, von , in Karte anzeigen

Töpferrad nach Mittelalterart

Töpferrad nach Mittelalterart

Es ist eine einzigartige Zeitreise. Der weltberühmte „Klosterplan von St. Gallen“ gilt als Idealplan einer frühmittelalterlichen Klosteranlage, er wurde in seiner Gesamtheit jedoch nie in die Tat umgesetzt. Dies soll sich nun ändern. Bei Meßkirch im Kreis Sigmaringen hat der Bau dieser Anlage begonnen, und zwar ausschließlich mit den technischen Möglichkeiten und dem Know How des Frühmittelalters. Das heißt: Muskelkraft statt Maschinenpower, Ochsenkarren statt Lastwagen und historische Gewänder statt Blaumann. Alle Baumaterialien, Stein, Lehm und Holz, und alle Werkzeuge werden direkt auf der Baustelle gewonnen. Das Projekt wird von einem wissenschaftlichen Beirat unterstützt, der die mittelalterliche Baukunst recherchiert hat. Der Bau der Anlage soll ganze 40 Jahre dauern. Unser Durchblicker Christoph König hat die Baustelle, auf der im Moment Werkzeug und Essgeschirr hergestellt werden, besucht und auf mittelalterliche Weise getöpfert.

Schwitzen für die Wissenschaft
In Meßkirch bauen Handwerker und Forscher eine Klosterstadt aus dem zehnten Jahrhundert – und zwar mit den Mitteln der Zeit. Das ist mühsam, aber erkenntnisreich.

Andy Ollinger ist der Töpferei-Spezialist auf der Klosterbaustelle in Meßkirch

Andy Ollinger ist der Töpferei-Spezialist auf der Klosterbaustelle in Meßkirch

Ein rechteckiges Loch, etwa knietief, darüber schräg ein paar Holzstämme, die eine Stoffplane tragen. Das ist der Arbeitsplatz von Andy Ollinger. Er ist sozusagen der Töpfermeister des Campus Galli in Meßkirch. Hier, gut 20 Kilometer Luftlinie vom Bodensee entfernt, bauen Handwerker mitten im Wald eine Klosterstadt: Schmiede, Schreiner, Korbflechter Spinnerinnen und ihre Kollegen leisten gerade Pionierarbeit für das Projekt. Der Plan für die Stadt stammt aus dem zehnten Jahrhundert und auch die Werkzeuge sind dem Mittelalter nachempfunden. Mit dieser Art experimenteller Archäologie wollen die Arbeiter und die beratenden Wissenschaftler ein Stück Leben und Arbeit des Mittelalters am eigenen Leib nachempfinden.

Töpfern mit Geschick und Muskelkraft

Reporter Christoph dreht das Töpderrad

Reporter Christoph König dreht das Töpderrad – eine schweißtreibende Angelegenheit.

Das bedeutet Schweiß und Mühe. Seit Ollinger jeden Tag an der Töpferscheibe steht, verzichtet er auf Sport in der Freizeit. Schließlich ist das Arbeitsgerät auf seine Muskelkraft angewiesen. Die runde Töpferscheibe ist etwa so groß wie eine Pizza und ist an einem Wagenrad befestigt, das wiederum auf einer hölzernen Achse steckt. Damit die sich dreht, muss er einen schulterlangen Holzstab in die Speichen des Rads führen und es drehen. Erst nach einigen kräftigen Stößen dreht sich die Töpferscheibe schnell genug.

Christoph König formt den Tonklumpen

Christoph König formt den Tonklumpen

Mit nassen Fingern gilt es dann, die zwei Hände voll Ton zu einem runden Kuchen zu formen, anschließend mit dem Daumen einen Hohlraum zu formen, so dass der Klumpen einem runden Aschenbecher ähnelt. Das ist die Grundform für Becher, Vasen und Schalen. Dazwischen muss Ollinger immer wieder das Wagenrad beschleunigen. Das treibt Schweißperlen auf die Stirn und lässt den feuchten Schlamm in alle Richtungen davonspritzen. Töpfern ist eine schmutzige Angelegenheit.

Höllenglut dank Feuerstein und Zunder

Zunder wird von einem Zunderpilz abgeschabt

Zunder wird von einem Zunderpilz abgeschabt

Noch ist der tönerne Becher wasserlöslich. Vor dem ersten Schluck muss er gebrannt werden. Noch hat Andy Ollinger keinen Brennofen. Deshalb versucht er es ausnahmsweise anders: Ein offenes Feuer vor der einfachen Werkstatt soll die nötigen 1200 bis 1400 Grad erreichen. Dazu braucht es einen Kreis von Steinen auf dem Boden, Holzscheite und feine Holzsplitter, einen Zunderschwamm, Schilfgras und zwei graue, handflächengroße Steine: Einen Feuerstein und einen Pyrit. Die beiden Steine müssen mit möglichst wenig Druck schnell aneinander geschlagen werden. Daraus entstehen Funken, die dann etwas zerbröselten Zunder zum Glühen bringen, der dann wiederum das Schilfgras entzündet. Das klingt einfach, kostet aber Kraft, Puste und vor allem Geduld.

Endlich: das Feuer zum Brennen der Tongefäße brennt

Endlich: das Feuer zum Brennen der Tongefäße brennt

Allein das Anzünden kann an einem schlechten Tag auch mal eine halbe Stunde dauern. Es ist Übungssache. Aber die Handwerker in Meßkirch haben noch viel Zeit, das Handwerk des Mittelalters zu perfektionieren.
Etwa 40 Jahre lange arbeiten Wissenschaftler und Handwerker  bis aus dem Waldstück eine mittelalterliche Klosterstadt wird. Bis dahin werden sie die Archäologie um eine ganze Menge praktisches Erfahrungswissen bereichern.

 

 

 

Links:
Offizielle Homepage des Projekts
http://www.campus-galli.de/

Internetartikel über die Klosteranlage Meßkirch bei SWR2:
https://www.swr.de/swr2/wissen/messkirch-klosterstadt/-/id=661224/nid=661224/did=11653922/12kn8d4/

Share

Schreibe einen Kommentar

*

Kartendarstellung

Karte
 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019