. .

Ein Projekt von: BR | NDR | SWR | WDR

Sturz-Präventions-Zirkel – Wie sich Stürze im Alter vermeiden lassen

06.05.2013, von

Reporter Aeneas Rooch(l.) mit Studienleiter Tobias Morat (Foto:WDR)

Reporter Aeneas Rooch(l.) sitzt mit Studienleiter Tobias Morat auf der Treppe des Sturz-Präventions-Zirkels (Foto:WDR)

Ein Bordstein, eine Treppenstufe – überall im Alltag lauern kleine Hürden. Für die meisten von uns sind sie kein Problem, aber das ändert sich, wenn wir älter werden. Die Schritte werden unsicher, die Muskeln schwächer, und das Risiko steigt, dass wir hinfallen und uns womöglich schwer verletzen. Mehr als die Hälfte der über 80-Jährigen stürzt mindestens einmal im Jahr. Oft verletzen sich die alten Menschen dabei schwer und sind anschließend im Alltag auf fremde Hilfe angewiesen. Wissenschaftler an der Deutschen Sporthochschule Köln erforschen in einer aktuellen Studie, wie sich Risikofaktoren von Stürzen im Alter positiv beeinflussen lassen, und haben dafür eigens einen Parcours eingerichtet, den Sturz-Präventions-Zirkel. Durchblicker-Reporter Aeneas Rooch hat eine Trainingsstunde besucht.

Ein Versuchsteilnehmerin überwindet verschiedene Hindernisse, wie Treppen, Bordsteine etc. (Foto: WDR)

Ein Versuchsteilnehmerin überwindet verschiedene Hindernisse, wie Treppen, Bordsteine etc. (Foto: WDR)

Bewegung steht im Mittelpunkt der Studie: Die Probandinnen und Probanden – Menschen zwischen 60 und 85 Jahren, die sich auf eine Zeitungsannonce gemeldet hatten – haben ein halbes Jahr lang unter professioneller Anleitung wöchentlich Kraft, Koordination und Alltagssituationen trainiert. Sportwissenschaftler und Projektleiter Tobias Morat hat dazu mit Kollegen ein neuartiges Trainingskonzept erstellt: Die Senioren müssen sich beispielsweise auf eine weiche Matte stellen und mit einem Bein in der Luft Kreise beschreiben, oder sie müssen lernen, auf einem frei beweglichen, wackligen Kreisel zu stehen ohne sich festzuhalten. Obwohl es leicht aussieht, ist das Stehen und Bewegen auf instabilen Untergründen für viele eine Herausforderung – sie wackeln und kippeln und wanken, aber viele spüren selbst, wie ihnen die Gleichgewichtsübungen von Woche zu Woche leichter fallen. An anderen Stationen des Trainingsparcours stärken die Senioren an Geräten wie einer Beinpresse, wie sie auch in einem gewöhnlichen Fitnessstudio zu finden ist, die Arm- und Beinmuskulatur. Mit diesen Übungen, die die Kraft- und Gleichgewichtsfähigkeit verbessern, sollen die Studienteilnehmer seltener ins Straucheln geraten und – wenn doch – sich besser abfangen können. Neu ist, dass die Studienteilnehmer zwischen diesen Stationen zusätzlich aktive Pausen einlegen, in denen sie Alltagsbewegungen wie Treppensteigen oder den Schritt über eine Bordsteinkante üben.

Die Versuchsteilnehmer müssen auch über verschiedene Untergründe laufen. Das kann älteren Menschen im Alltag Probleme machen. (Foto: WDR)

Die Versuchsteilnehmer müssen auch über verschiedene Untergründe laufen. Das kann älteren Menschen im Alltag Probleme machen. (Foto: WDR)

Dazu haben die Sportwissenschaftler eine Rundbahn entwickelt, einen knapp 20 Meter langen Parcours, mit dem sie verschiedene schwierige Alltagssituationen simulieren. Zuerst ist eine Bordsteinkante nachgebildet; hierzu hat Studienleiter Tobias Morat während der Konzeption beachtet, welche durchschnittlichen Höhen in Deutschland Bürgersteige haben (zwischen 8 und 15 Zentimeter), und entsprechend hohe Holzstufen installiert. Danach geht es einen Schritt über Kieselsteine, die einen Weg im Stadtpark simulieren. Es folgen unebene Hartgummiplatten mit reliefartigen Wülsten und Mulden; über sie zu laufen, ist nicht einfach, es fühlt sich an wie ein Gang über einen Waldboden, der von Wurzeln durchzogen ist. Auch der Gang über Rasen soll im Parcours trainiert werden; die Sportwissenschaftler haben dazu einen Teppich mit bleistiftdicken, fingerlangen Fäden ausgelegt – der passenderweise hellgrün ist. Schließlich führt die Bahn noch über Holzfliesen, wie man sie von einer Veranda kennt, bevor sie mit einem Podest endet, das über drei Treppenstufen zu besteigen und wieder zu verlassen ist.
Tobias Morat untersucht die Auswirkungen des Trainings, indem er nicht nur Kraft und Mobilität der Probanden misst, sondern sie auch den eigens entwickelten Multisurface Obstacle Test for Older Adults (MSOT) absolvieren lässt: Sie müssen die Testbahn ablaufen – erst in der normalen Gehgeschwindigkeit und dann so schnell und sicher wie möglich. Je nach Fitness und Alter der Kandidaten dauert es zwischen 6 und 10 Sekunden, bis sie von der Startlinie aus die gesamte Bahn abgelaufen sind und hinter der Ziellinie wieder stoppen. Während des Laufs zählt Sportwissenschaftler Tobias Morat außerdem die Schritte.

Auch Reporter Aeneas Rooch (r.) hat den Sturz-Präventions-Zirkel erfolreich gemeistert (Foto: WDR)

Auch Reporter Aeneas Rooch (r.) hat den Sturz-Präventions-Zirkel erfolreich gemeistert (Foto: WDR)

Die Teilnehmer, die im Sturzpräventionszirkel trainiert haben, zeigen sowohl im Vergleich zu einer nicht trainierenden Gruppe als auch zu Probanden, die nur ein reines Kraft- und Gleichgewichtstraining (ohne alltägliche Bewegungen) absolviert haben, Verbesserungen in verschiedenen Punkten, die für Stürze relevant sind: Sie verbesserten neben ihrer Kraft im Ober- und Unterkörper auch ihre Leistung beim fünfmaligen Aufstehen von einem Stuhl, im Abgehen einer vorgegebenen Strecke mit und ohne Zusatzaufgabe (wie etwa rückwärts Zählen), vor allem aber auch ihre Leistung auf der Testbahn, also im MSOT. Zum jetzigen Zeitpunkt kann Tobias Morat daher schlussfolgern, dass sein neues Trainingskonzept im Vergleich zu bisherigen Trainingsprogrammen positive Auswirkungen auf sturzrelevante Risikofaktoren haben kann. Durch die gestärkten Ressourcen fällt den Senioren die Bewältigung des Alltags leichter, und sie können Stürze besser vermeiden oder abfangen.

 

 

Share

Schreibe einen Kommentar

*

Kartendarstellung

Karte
 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019