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Computer spielen für die Wissenschaft

11.03.2013, von , in Karte anzeigen

Verkabelt und hoch konzentriert: Reporterin Stephanie Grimme im Spielelabor der Uni Münster

Verkabelt und hoch konzentriert: Reporterin Stephanie Grimme im Spielelabor der Uni Münster

Ein rotes Sofa, ein großer Flachbildschirm und jede Menge Equipment: Playstation, X-Box, Wee, Nintendo, Headsets und Gamepads. Alles, was ein Spielerherz begehrt. Das Computerspiel-Labor an der Universität Münster ist einzigartig in Deutschland. Nicht wegen der vielen Spiele, sondern, weil hier das Verhalten von Computerspielern mithilfe von ausgefeilter Technik erforscht wird.

Spielen dürfen im Spiellabor an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster nur ausgewählte Probanten. Männer, Frauen, ältere, jüngere, erfahrene Viel-Spieler und Laien. An den Handinnenflächen der Testpersonen werden Elektroden befestigt, ans Ohrläppchen ein Pulsmesser geklemmt. Zudem sind überall Kameras, so dass jedwede Reaktion der Testspieler erfasst wird.

Weltweit größte Sozialstudie über Computerspieler

Sehen und gesehen werden - Probanden spielen für die Wissenschaft  (Foto: WWU/Peter Grewer)

Sehen und gesehen werden – Probanden spielen für die Wissenschaft

Es wird genau gemessen, wie der Körper während des Spiels reagiert. Hautleitfähigkeit, Puls, sogar die Gesichtszüge werden per Kamera aufgezeichnet und anschließend ausgewertet. Der Leiter des Projekts, Kommunikationswissenschaftler Prof. Thorsten Quandt, will der Spieler-Seele genauestens auf den Grund gehen. Obwohl allein in Deutschland 20 Millionen Menschen spielen, ist die Wirkung von Spielen ein bislang wenig erforschter Themenbereich.
Fast zwei Millionen Euro hat der Europäische Forschungsrat für das Projekt „The social fabric of virtual life“zur Verfügung gestellt. Es zählt zum Exzellenz-Programm der EU und ist eines der weltweit größten Forschungsvorhaben in diesem Bereich. In der über fünf Jahre angelegten Studie werden vielfältige  Sozialaspekte von Online-Spielen untersucht.

Computerspiele machen nicht dumm

Macht Computerspielen einsam? Was ist das reizvolle an Computerspielen? Führt es zu vermehrter Aggression? Diese und viele Fragen mehr werden mithilfe physiologischer Messungen im Labor und repräsentativer Befragungen ermittelt. Einige Ergebnisse gibt es schon. Zum Beispiel macht Computer spielen nicht dumm, betont Prof. Thorsten Quandt: „Es ist oftmals so, dass Schüler zum Beispiel schlechte schulische Leistungen haben und das dann durch das Spielen kompensieren. Aber da macht natürlich das Spiel dann nicht den Spieler dumm, sondern der versucht vor Realitäten wegzurennen.“ Ein anderes Forschungsergebnis: Die Mehrheit der Spieler spielt nicht allein, sondern entweder gemeinsam vor einem Bildschirm oder räumlich getrennt, aber miteinander vernetzt.

Mitspieler triezen und spotten

Big Brother is watching you: Vom Nachbarraum aus werden die Computerspieler genauestens beobachtet (Foto: Stefanie Grimme/WDR)

Big Brother is watching you: Vom Nachbarraum aus werden die Computerspieler genauestens beobachtet

Um das Verhalten dieser Spieler zu erforschen, gibt es im Spielelabor Einzelkabinen, die miteinander vernetzt sind. Auch hier werden Spieler per Kamera und Pulsmesser beobachtet, aufgenommen und ausgewertet. Bild und Ton werden auch in den Nachbarraum übertragen. Hier können konzentrierte Gesichtszüge, Freudentaumel oder Wutausbrüche life verfolgt und anschließend ausgewertet werden. Meistens zeigen die Spieler während des Spiels jedoch kaum Regungen, hat Prof. Quandt beobachtet. Grund: Sie sind hoch konzentriert. Nach dem Spiel jedoch sind manche Spieler arg frustriert und erregt. Anders als man meinen könnte, werden diese Emotionen nicht vom Spiel verursacht, sondern hängen vom Verhalten der Mitspieler ab. Wer beim Verlieren auch noch getriezt oder verspottet wird, ärgert sich sozusagen doppelt so sehr. Um diese Erkenntnis zu verifizieren müssen die Computer-Spieler gleich neben edelster Hightech-Ausstattung im Spielelabor an einem ganz einfachen Kicker gegeneinander Fußball spielen.

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