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Forschung im Stall – Die „gläserne“ Kuh

17.09.2012, von , in Karte anzeigen

Die Kuh ist eines der ältesten Nutztiere des Menschen

Die Kuh ist eines der ältesten Nutztiere des Menschen

Seit über 10.000 Jahren halten Menschen Kühe, um sich unter anderem von ihrer Milch zu ernähren. Aber die Bedingungen für das Milchvieh haben sich stark geändert. Früher gab die Kuh rund acht Liter Milch pro Tag – den heutigen Milchkühen werden bis zu 50 Liter Milch täglich abverlangt. Als Folge werden die Tiere schneller krank und sterben früher. Wie Kühe gehalten werden müssen, damit sie trotz ihrer hohen Leistung artgerecht leben und gesund bleiben, daran forschen Wissenschaftler der Uni Bonn in einer Art Modellstall. Durchblicker-Reporter Tobias Jobke hat das Großtierlabor besucht, in dem die Kühe Tag und Nacht überwacht werden.

Kameraüberwachung des Stalls

Kameraüberwachung des Stalls

Der Hightech-Stall in Königswinter bei Bonn gehört zum Zentrum für Integrierte Milchwirtschaftliche Forschung, einem Netzwerk, das verschiedene Wissenschaftler vereint. Tag und Nacht werden Kuh Emmely und ihre rund 50 Stallmitbewohner von Kameras überwacht – am Körper tragen sie drei Sensoren. Einer dient dazu, sie zu identifizieren. So kann dem Tier zum Beispiel am Ende eines Tages zugeordnet werden, wie viel Wasser es getrunken oder wie viel Futter es gefressen hat.

Jede Kuh ist mit Sensoren ausgestattet

Jede Kuh ist mit Sensoren ausgestattet

Ein zweiter Sensor übermittelt, wie oft die Kuh wiederkäut, also wie oft Futterballen aus dem Pansen zurück ins Maul gehen. Daraus können die Experten der Uni Bonn Schlüsse ziehen, ob das Tier gesund ist. Schließlich tragen die Kühe auch noch Schrittzähler, sogenannte Pedometer, die ihre Aktivität messen. Bewegt sich eine Kuh zum Beispiel deutlich weniger als die anderen, könnte das auf Lahmheit hindeuten. Im Computer wird das Tier dann sofort auf eine Alarmliste gesetzt, die den Forschern signalisiert, dass es Hilfe braucht.

Sensoren und GPS helfen den Forschern, Verhaltensmuster der Milchkühe zu analysieren

Per GPS wird der Tagesablauf jedes Tieres überwacht

Per GPS wird der Tagesablauf jedes Tieres überwacht

Darüber hinaus ist der Forschungsstall Frankenforst als einer von ganz wenigen weltweit mit einem GPS-Ortungssystem ausgestattet. Die Position der Rinder im Stall kann ständig überprüft werden: Wie lange sie am Futtertrog waren, wie viel Zeit sie in der Herde verbracht und wie lange sie geschlafen haben. Daraus ergeben sich Muster über die Gewohnheiten der Kühe, die darauf schließen lassen, ob es ihnen gut geht.

 

Kuh Emmely im Melkstand

Kuh Emmely im Melkstand

Große Beachtung wird Emmely und den anderen Kühen auch beim Melken geschenkt: Der Versuchs-Melkstand bietet den Forschern viel Platz, um zum Beispiel Ultraschallmessungen bei den Kühen vorzunehmen. Damit die Tiere trotz ihrer hohen Milchleistung möglichst lange gesund bleiben, steht ihnen auch eine Art Wohlfühlbereich zur Verfügung: eine Bürstenmaschine und eine Klauenwaschanlage. Die Forscher haben herausgefunden, dass regelmäßiges Waschen in einem Kalkbad die Klauen widerstandsfähiger macht.

Intensive Kuh-Kontrolle in modernem Stall – Ziel: artgerechte und gesunde Haltung

Luxus für die Hochleistung - die Bürstenmassage

Luxus für die Hochleistung – die Bürstenmassage

Unter diesen modellhaften Bedingungen hat es die Hochleistungsherde im Forschungsstall gut. Wie ein besonders leistungsfähiges Sportpferd sind auch leistungsfähige Milchkühe auf intensive Kontrolle in einem modernen Stall angewiesen, damit sie gesund bleiben. In „normalen“ Milchbetrieben ist diese Kontrolle aber oft nicht möglich.

 

Zu häufiges Abkalben schwächt die Gesundheit

Zu häufiges Abkalben schwächt die Gesundheit

Die Tiere werden mehrfach künstlich befruchtet, damit der Milchfluss gesichert ist. Doch die Milchproduktion nach der Kalbung strengt die Kühe an – oft können sie gar nicht so viele Nährstoffe zu sich nehmen, wie sie zur Produktion der großen Milchmengen benötigen. Die Folge: Die Tiere verlieren an Gewicht und Muskelmasse, bekommen Euter- oder Stoffwechselerkrankungen. Viele gehen mit höchstens fünf Jahren zum Schlachter, obwohl ihre natürliche Lebenserwartung bis zu 20 Jahre beträgt.

Forschungsstall Frankenforst

Forschungsstall Frankenforst

In dem Versuchsstall der Uni Bonn wird deshalb intradisziplinär zu einer artgerechten Kuhhaltung geforscht. Ökonomen beschäftigen sich beispielsweise mit der Frage, wie viel es Landwirte kostet, die gleiche Milchmenge auf mehr Kühe zu verteilen – um das einzelne Tier zu entlasten. Informatiker beschäftigen sich mit der Technik, die im Stall der Zukunft zum Einsatz kommt.

 

Glückliche Kühe - glückliche Verbraucher?

Glückliche Kühe – glückliche Verbraucher?

Nicht zuletzt geht es den Forschern am Zentrum für Integrierte Milchwirtschaftliche Forschung aber auch um die Einstellung des Verbrauchers: Ist er bereit, mehr zu bezahlen, wenn Milchprodukte von „glücklichen“ Kühen kommen? Schmeckt ihm die Butter besser, wenn sich die Kuh wohlgefühlt hat? Zu diesen Fragen leisten Emmely und die anderen Milchkühe im Forschungsstall Frankenforst der Uni Bonn einen wichtigen Beitrag.

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