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Das intelligente Bad

25.06.2012, von , in Karte anzeigen

Spiegeldisplay

Alles, was man morgens wissen muss, zeigt der Bildschirm im Spiegel des Badezimmers.

Eine gute Nachricht für alle Langschläfer: Forscher der Uni Saarbrücken entwickeln gerade ein High-Tech-Zimmer, das bei den ersten Schritten in den Tag bald eine große Hilfe sein könnte. Christoph König durfte den Prototypen auf dem Saarbrücker Campus testen.

Ein Spiegel, darunter ein weißes Waschbecken aus Porzellan. Rechts daneben eine Trennwand, noch weiter rechts eine gläserne Duschkabine. Mehr ist auf den ersten Blick im Halbdunkel des Zimmers nicht zu sehen. Das ändert sich nach drei Schritten in Richtung Waschbecken. Das Licht schaltet sich ein, ohne dass ich einen Schalter gedrückt oder sonst was getan hätte.

Kino, Wetter und  News im Bad
In der Mitte des Spiegels leuchtet ein Flachbildschirm auf und zeigt eine Arbeitsoberfläche, wie ich sie von handelsüblichen Computern kenne.

An der Decke befinden sich die Sensoren und Bewegungsmelder

Erst auf den zweiten Blick und zwar nach oben erkennt man Teile der Technik, die das möglich macht.

Eine Sekunde später ploppen Dialogfenster auf mit dem Wetterbericht und einem Veranstaltungshinweis: ein Kinofilm in Saarbrücken. Vorsichtig drücke ich meinen Finger auf das Fenster. „Möchtest du Tickets für die Veranstaltung reservieren?“ – fragt eine Computerstimme aus einem Lautsprecher an der Zimmerdecke. Das intelligente Bad hat mich erkannt und will mir helfen.

So läuft eines der Szenarien ab, die ich im Proberaum des Instituts für Information and Service Systems an der Fakultät für Rechts- und Wirtschaftswissenschaften der Universität Saarbrücken testen kann. Hier arbeiten Wissenschaftler an einer Umgebung, die sich möglichst automatisch an die Bedürfnisse des Nutzers anpassen kann.

Sensoren an der Decke

Sensoren an der Decke erkennen die Testperson und ihre Position im Raum.

Technik von Spielekonsolen
Erst auf den zweiten Blick sehe ich einige kleine schwarze Kästchen an der Decke, vielleicht so groß wie Legosteine. Dazu kleine Platinen mit Schaltkreisen. Kabel führen von den Bauteilen weg und verschwinden in der Wand. Dort ist ein schwarzer Kasten mit der Aufschrift „X-Box“ angeschraubt – Der Bewegungssensor der bekannten Spielekonsole. Außerdem flache Lautsprecher, Mikrofone und zwei Beamer. Mit all diesen Geräten erkennt der Computer einen bestimmten Nutzer, seine Position und auch seine Gesten.

Anhand dieser Informationen unterscheidet das System dann gewisse Szenarien, mit denen es die Forscher zuvor gefüttert haben und handelt entsprechend. In meinem Fall gibt mir das Probe-Badezimmer wichtige Informationen. Wie wird das Wetter? Was kann ich heute Abend unternehmen?

Brötchenholen geht noch nicht
Persönliche Wünsche sind auf die Schnelle schwieriger zu erfüllen. „Computer, kannst du mir Brötchen besorgen?“, frage ich hilfesuchend Richtung Zimmerdecke. Aber niemand antwortet.

Andreas Filler lacht. Er ist Doktorand am Lehrstuhl und heute mein Begleiter. „Das System soll sich an Ihre Bedürfnisse anpassen. Sie müssen in der Regel keine Befehle geben. Der Computer meldet sich von selbst, wenn er Fragen hat. Jetzt liefert der Rechner Wetter und Veranstaltungstipps. Wir könnten aber auch einen Brötchenbestellservice integrieren.“

Spieglein an der Wand – was gibt es neues im Land?
Wir testen weiter. Auf dem Weg zur Dusche erlischt das Licht vor dem Spiegel. Stattdessen ist nun die Dusche erhellt und als ich unmittelbar vor der Kabine stehe, ertönt Musik. Ein weiteres Szenario. Der Computer geht davon aus, dass ich sanftes Licht und lateinamerikanische Chartmusik mag, wenn ich dusche.

Trennwand

Auch hier, auf der Trennwand zwischen Waschbecken und Dusche können Videos laufen

In die gläserne Duschkabine ist eine Videoleinwand eingebaut. Hier lerne ich: Ich kann das Bad auch um bestimmte Dinge bitten: „Computer, was gibt es Neues?“, fragt Andreas Filler. Im nächsten Augenblick überträgt ein Beamer hinter mir aktuelle Videonachrichten auf die Leinwand in der Duschkabine, Boxen liefern den Ton.

Die Sprachsteuerung und die Gestenerkennung sind für sich betrachtet nichts Neues. Aber darum geht es nicht. „Wir sprechen hier vom so genannten Internet der Dinge“, hat mir Professor Wolfgang Maas, der Leiter des Projekts vorher erklärt. „Wir wollen Alltagsumgebungen mit digitalen Diensten vernetzen, um sie besser an die Lebenswelt der Nutzer anzupassen.“

Das vernetzte Haus – Vision für die Zukunft
In Zukunft soll die Technik in den Hintergrund treten. Jeder soll dann ganz natürlich mit ihr umgehen können. „Ihre Großmutter muss in Zukunft nicht die Technik verstehen, sondern der intelligente Raum passt sich an die Großmutter an.“ Das intelligente Badezimmer an der Uni Saarbrücken ist dafür eine Art Testballon. als Teil des Projekts „Interactive Knowledge Stack“ (IKS) der Europäischen Union. Daran ist auch das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Saarbrücken beteiligt.

Christoph König interviewt Andreas Filler

Doktorand Andreas Filler erklärt Christoph König wie ein Badezimmer intelligent wird.

Bei dem Projekt geht es aber nicht nur um das Modellzimmer an sich. Auch sein Werdegang ist entscheidend. Bei der Forschung sind viele verschiedene Menschen beteiligt. Neben den vielen Testern auch Ingenieure, Designer und Informatiker – Das Projekt ist interdisziplinär. Deshalb sehen es die Saarbrücker Forscher als einen entscheidenden Erfolg an, dass sie eine gemeinsame Sprache, ein Verfahren entwickeln konnten, wie diese verschiedenen Disziplinen möglichst effizient zusammenarbeiten können. Das schützt vor Missverständnissen und spart viel Zeit und Geld.

Professor Maas rechnet damit, dass man die Bauteile für das intelligente Bad schon in wenigen Jahren im Baumarkt kaufen kann. Es hänge davon ab wie „mehrheitsfähig“ die Idee sei. Noch ist das Bad allerdings in der Testphase. Vielleicht ist das der geeignete Augenblick, noch einen frommen Wunsch anzubringen, denke ich mir, bevor ich gehe. Wenn ich in Zukunft fast fertig bin mit Duschen möchte ich, dass das intelligente Bad bei meiner intelligenten Küche anklopft und schon mal einen Kaffee bestellt. „Auch das wird kein Problem sein“, sagt Andreas Filler, „intelligente Räume sind im ganzen Haus vorstellbar und die sind dann untereinander vernetzt und können in die Szenarien integriert werden.“

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