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Verräterisches Schmatzen – Lauschangriff auf Lagerschädlinge

20.02.2012, von , in Karte anzeigen

Kakerlaken essen gerne Weizen - und machen dabei verräterische Geräusche

Mit Essgeräuschen macht man sich nicht zwingend beliebt. Aber für Schädlinge wie Würmer oder Kakerlaken könnte Schmatzen bald lebensgefährlich werden. Forscher der Universität Kassel wollen das Ungeziefer mit einem neuen Messsystem in Getreidesilos aufspüren. Akustische Sensoren zeichnen Bewegungs- und Fressgeräusche auf. Damit lässt sich dann feststellen welcher Wurm oder Käfer im Silo sein Unwesen treibt. Im Labor des Instituts für Agrarwissenschaft der Außenstelle im nordnessischen Witzenhausen tüfteln die Forscher an den Feinheiten. Christoph König hat sich dort angehört, wie der große Lauschangriff funktioniert.

Versuchsanordung

Viel braucht es nicht. Ein Notebook und zwei Lautsprecher, fünf Laborgläser mit Getreide und Bohnen. Auf den ersten Blick wirkt die Sammlung im Labor der Universität Kassel in Witzenhausen wie der kleine Vorrat für die Küche zuhause. Doch die Weizenkörner und die Haferflocken bewegen sich.

Kleines Fraßloch der Bohnenkäfer. Dann lieber doch hören, sehen kaum möglich.

 

Würmer und Käfer haben es sich hier gemütlich gemacht, winden sich ineinander, fressen oder buddeln sich tief ins Innere des Glases ein. Hier geht es aber nicht um die nächste Ekelprobe im Dschungelcamp. Wissenschaftler des Fachgebiets Ökologische Agrarwissenschaften entwickeln vielmehr ein neues System, mit dem man Schädlinge in Getreidelagern aufspüren und bekämpfen kann.

Simpel, aber wirkungsvoll

Mit einem Piezosensor beginnt der große Lauschangriff: hier lauscht man Mehlwürmern beim Verzehr von Haferflocken.

Das Prinzip ist einfach. Vom Laptop führt ein schwarzes Kabel in die Gläser mit Getreide und Schädlingen. Es endet in einer runden schwarzen Scheibe von der Größe einer Ein-Euro-Münze: Ein Piezo-Sensor, der selbst leise Geräusche erfassen und an ein Computerprogramm senden kann. Das Programm zeigt dann nicht nur, dass der Silo unerwünschte Untermieter hat, sondern auch, wer genau da sein Unwesen treibt. Ob  Kakerlake, Mehlwurm oder Bohnenkäfer, die Fress- und Bewegungsgeräusche verraten die Art des Schädlings, weil sie ein bestimmtes Muster haben und in einem speziellen Frequenzbereich liegen.

Dr. Uwe Richter zeigt den Schädlingsbefall von Bohnen in einem Schausilo.

Bislang lassen sich die Schädlinge nur mit Temperaturabweichungen in Silos aufspüren. Dann ist es aber meistens schon zu spät, weil sich die Würmer und Käfer dann meistens schon in großem Umfang vermehrt haben. Mit der akustischen Methode aus Witzenhausen wollen die Forscher schon einen einzigen Käfer in einem Würfel der Kantenlänge 50 Zentimeter aufspüren und seine Art bestimmen. Die Chemikalienkeule mit Breitbandpestiziden ist dann vielleicht nicht mehr möglich, weil man je nach Art unter Umständen auch auf biologische Schädlingsbekämpfung setzen kann, etwa mit Schlupfwespen. Das schon das Getreide und spart Geld.

Gezielte Schädlingsbekämpfung statt Pestizide

Von Käfern befallene Schwarzaugenbohnen - mit dem Auge sind die Schädlinge kaum erkennbar.

Für die Agrarwirtschaft eine verlockende Vorstellung. Allein in Deutschland vernichten Schädlinge nach Angaben der Universität Kassel rund zwei Millionen Tonnen Getreide und Saatgut. Tierische Schädlinge vernichten aus Sicht FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, zwischen 180 und 360 Millionen Tonnen Getreide. Einen bedeutenden Teil daran vertilgen Insekten.

Dr. Uwe Richter lauscht den gefräßigen Insekten. Jede Schädlingsart schmatzt irgendwie anders.

Drei Jahre wollen die Agrarwissenschaftler um Prof. Dr. Oliver Hensel und Dr. Uwe Richter in Witzenhausen erforschen, wie die einzelnen Schädlinge in unterschiedlichen Lebensräumen klingen. Das Ziel ist ein System, das man in kleinen Betrieben wie auch in großen Lagerstätten benutzen kann: Eine Art Sensorlanze, ein ausziehbarer Stab mit Sensoren, den man an unterschiedliche Silos anpassen kann für den großen Lauschangriff auf Würmer und Käfer.

Surftipp:
Lauschangriff auf Lagerschädlinge – Das Projekt

 

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