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Lebensrettendes Kunststoff-Gewebe: Kugelsichere Westen unter Beschuss

07.04.2011, von , in Karte anzeigen

Reporter Aeneas Rooch (Mitte) testet zusammen mit Willi Opitz (l.) und Eberhard Schyma (r.) schusssicheres Gewebe

Manche Menschen müssen damit rechnen, dass auf sie geschossen wird: Polizisten, Soldaten und Leibwächter zum Beispiel. Oft tragen sie deshalb Spezialkleidung, die ihnen in so einem Fall das Leben retten kann: Schusssichere Westen. Solche Westen müssen nicht immer wuchtig und schwer sein, manche Modelle werden unter dem Hemd getragen, und man kann sie man kaum sehen. Wie diese dünnen Westen es trotzdem schaffen, die Wucht einer Pistolenkugel abzuhalten, das hat sich unser Reporter Aeneas Rooch angesehen. Er hat einen Hersteller von Spezialstoffen besucht. 

Schusssicheres Aramid-Gewebe (Foto:Verseidag Indutex)

Verseidag Indutex in Krefeld ist  einer der größten Hersteller für schusssichere Westen in Europa. Je nach Auftragslage werden hier im Rheinland im Jahr 20.000 bis 40.000 schusssichere Westen produziert; der Hersteller stattet unter anderem die Schweizer Armee, die Polizei des Saarlands und die gesamte französische Polizei aus. Das Geheimnis der schusssicheren Westen ist ein Gewebe aus Kunststoff-Fasern, aus Aramiden (sogenannten aromatischen Polyamiden). Die Kunststoff-Art ist unter den Markennamen Kevlar und Twaron bekannt und wird beispielsweise für Autoreifen und Lautsprecher verwendet. Aramid-Garn hat eine helle, goldgelbe Farbe und ist aus hunderten feiner Filamente zusammengedreht. Es wird in einem Webstuhl zu einem Stoff gewebt – wie eine ganz gewöhnliche Leinwand, nur dass das Garn eben aus Kunststoff besteht.

Mehrere Lagen dieses gewebten Stoffs, die sogenannten ballistischen Pakete, werden anschließend in einer Weste vernäht, einer Außenhülle, und machen sie kugelsicher; denn obwohl sich das Gewebe weich anfühlt, ist es überaus strapazierfähig: Stellte man das gleiche Gewebe aus Stahl her, wäre es nur ein Fünftel so fest wie der Aramid-Stoff. In einem Beschuss-Test untersuchen die Mitarbeiter der Krefelder Firma Versidag schließlich, ob die Weste den jeweiligen Normen genügt, die für Deutschland etwa von der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster festgelegt werden.

Der Beschuss-Techniker Willi Opitz am Schießbock

Dazu wird eine Weste in einem Beschusskanal in eine Haltvorrichtung eingespannt, beschossen und vermessen. Da es sich um genau genormte Schüsse handelt, wird nicht per Hand angelegt und abgedrückt, sondern mit einem Schießbock, einer Abschussvorrichtung, an der nicht nur die Waffenposition genau eingestellt, sondern je nach Laufaufsatz auch verschiedene Waffentypen simuliert werden können, zum Beispiel die weit verbreiteten Kaliber 9mm Parabellum oder Kaliber .357 Magnum.
Mit einer Lichtschranke wird die exakte Fluggeschwindigkeit des Geschosses ermittelt. Jeder einzelne Schuss unter solchen Laborbedingungen braucht eine Viertelstunde penibler Vorbereitungen.

Eberhard Schyma, Direktor der ballistischen Abteilung von Verseidag Indutex, am Plastilinblock

Hinter der Weste befindet sich ein Block aus Plastilin. Das Knetgummi ist nichts anderes als eine Mischung aus hauptsächlich Wasser, Öl und Stärke und dient dazu, einen menschlichen Körper zu simulieren. In Produkt-Tests wird ermittelt, welchen Geschossen die Weste mit dem Aramid-Gewebe standhält. Selbst wenn sie die Kugel nicht durchlässt, beult sie sich von der enormen Geschwindigkeit der Kugel aus – wie tief die Delle im Plastilin bei welchem Beschuss sein darf, ist ebenfalls genau vorgeschrieben.

Gewöhnliche Unterzieh-Westen, wie sie Streifenpolizisten unter ihrem Diensthemd tragen, sind mit nur ein bis zwei Kilogramm leicht und komfortabel. Sie schützen vor Schüssen aus Pistolen und Revolvern. Wer stärkeren Schutz benötigt, muss zu sogenannten taktischen Westen greifen, die auch Gewehrkugeln und Stahlkerngeschosse abwehren; sie wiegen je nach Ausstattung fünf bis zehn Kilogramm.

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