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Hirnforschung trifft Schule – Das Transfer-Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm

13.12.2010, von , in Karte anzeigen

Szenisches Vokabellernen an der Adalbert Stifter Schule in Ulm

Szenisches Vokabellernen an der Adalbert Stifter Schule in Ulm

Man kennt es aus der Medizin.  Wenn Grundlagenforschung möglichst rasch im Klinikalltag  umgesetzt wird, kann das Leben retten. Um die Lernfreude unserer Kinder zu retten, überträgt der Ulmer Hirnforscher und Psychiater Manfred Spitzer dieses Modell höchst erfolgreich auf die Pädagogik. Sein Tochterinstitut der Universität Ulm, gegründet 2006,  trägt deshalb logischer Weise den Namen Transfer-Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen, kurz ZNL.  Es hat mit seinen rund 40 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen aus Pädagogik, Psychologie und Medizin international einen guten Ruf und in Kindergärten, Schulen und Firmen schon einige Impulse gegeben. Anita Schlesak hat Professor Spitzer und sein Team beim Transfer in die Praxis begleitet:

Manfred Spitzer wirbt unermüdlich für gehirngerechtes Lernen (Foto: Uni Ulm)

Manfred Spitzer wirbt unermüdlich für gehirngerechtes Lernen (Foto: Uni Ulm)

In einer ehemaligen Kaserne am Kienlesberg sitzt das Ulmer Forschungszentrum, das mit EEG die Hirnströme beim Lesen misst oder mit dem Kernspin dem Gehirn beim Lernen zuschaut. Und auch testet, wie gut unsere Lernmethoden funktionieren. Mindestens so wichtig neben der Forschung ist für Manfred Spitzer und sein Team, die Erkenntnisse publik zu machen und unermüdlich für gehirngerechtes Lernen zu werben.  Jetzt zum Beispiel in einer Grund- und Werkrealschule, der Adalbert-Stifter Schule in Ulm.  Herr Spitzer, warum ist Ihnen das so wichtig, immer wieder in Schulen zu gehen ?

Prof. Spitzer: Da wird gelernt, und ich bin der festen Überzeugung, dass unsere Erkenntnisse nicht im Elfenbeinturm der Wissenschaft bleiben sollen, sondern dahin kommen, wo sie Früchte bringen, nämlich an Orte, wo gelernt wird.

Schauen wir, wie das funktioniert, gehen wir die Stufen hoch in den Musiksaal, wo die Klasse 5 b schon auf Sie wartet.

Prof. Spitzer: Ja, hallo, also ich bin der Professor Spitzer. Wenn man mal überlegt, was unser Gehirn so macht, das da oben im Kopf drin sitzt, das ist faszinierend. Was macht ihr mit ihm ? Reden und denken und lernen und weinen und lachen: all das spielt sich im Gehirn ab.

Professor Manfred Spitzer in Anzug und Krawatte erklärt mit großen Gesten und starker Mimik, wie das Gehirn funktioniert. Die 11jährigen sitzen mucksmäuschenstill da, denn der Vortrag bietet nicht nur etwas fürs Ohr, sondern auch was fürs Auge.

Prof. Spitzer:   Das Gehirn lernt gut oder erinnert sich gut, wenn man sich sinnvoll dazu bewegt, zum Beispiel: Wer kann mir sagen, was eine Wendeltreppe ist ? Hand hoch.
Schülerin: Die geht so im Kreis hoch…
Prof. Spitzer:  Was hast du eben für eine Bewegung gemacht ? Du hast mit dem Finger so einen Kreis hoch gedreht. Also weiß jeder:  eine Wendeltreppe ist so ein Ding, ja !

Michaela Sambanis vom ZNL übt mit einer 5. KLasse aus Ulm das szenische Vokabel-Lernen

Michaela Sambanis vom ZNL übt mit einer 5. Klasse aus Ulm das szenische Vokabel-Lernen

Jetzt kommen wir von der Theorie zur Praxis, zum  Englisch-Unterricht in der Klasse 5 b.  Michaela Sambanis, Forscherin am ZNL, wirft den Beamer und den Laptop an, damit die Kinder die Worte lesen können. Aber mit Lesen ist es nicht getan. Beim szenischen Lernen geht es nämlich um Bewegungen und um Chorsprechen:

Michaela Sambanis:  Also bedeutet das, dass alle, die hier sind, aufstehen. Ich habe euch eine Geschichte mitgebracht – Stella the star – und die lernen wir richtig mit Bewegungen. Es geht los: „Once upon a time there was a little star, her name was Stella…“ And now all together !

Herr Spitzer, was ist das Geheimnis des szenischen Lernens, warum funktioniert es so gut ?

Prof. Spitzer:  Einfach deswegen, weil mehr neuronale Netze dabei engagiert sind als beim Stillsitzen und reinen Durchlesen. Und es ist schon ein Effekt der Anzahl der Nervenzellen: also wenige Nervenzellen lernen langsam und nicht so viel und viele Nervenzellen lernen einfach deutlich mehr. Das ist der ganze Witz beim szenischen Lernen, Sie verwenden einfach viel mehr Hirnschmalz auf die Aufgabe und deshalb klappt das auch besser.

Michaela Sambanis:  Stella the star was very sad: oh!

Wenn man Ihnen und den Kindern beim Unterrichten zuschaut, hat man den Eindruck, dass das Lehren viel mehr Spaß macht, dass Sie sich mit dem ganzen Körper einsetzen.

Michaela Sambanis:  Ja, absolut, es ist unglaublich schön, sich so bewegen zu können. Aber ganz ehrlich, man sagt aber ganz ehrlich, dass man danach auch müde sein darf manchmal.

Zum szenischen Vokabellernen in der Ulmer Adalbert Stifter Schule haben sich auch mehrere Zaungäste eingefunden

Zum szenischen Vokabellernen haben sich auch mehrere Zaungäste eingefunden

Es ist nicht nur der Spaßfaktor, Sie haben ja tatsächlich eine Studie gemacht, in der wissenschaftlich bewiesen wird, warum das szenische Lernen bei Fremdsprachen so gut funktioniert.  Also nach kurzer Zeit sind die Kontrollgruppen zwar genau so gut, aber nach drei oder sechs Wochen können Kinder nach szenischem Lernen 15 von 20 Wörtern wiedergeben, und in der Kontrollgruppe sind es gerade noch 5. Das sind bei szenischem Lernen also  drei Mal mehr Vokabeln, das ist ja unglaublich.

Michaela Sambanis:  Ja, es ist tatsächlich so, wir haben es an Grundschulen und am Gymnasium getestet und wir haben vergleichbare Effekte gemessen. Das übliche Vergessen kehrt sich hier um in Behalten.

Also gesehen hat man es – an den fröhlichen und entspannten Gesichtern der Schüler. Jetzt stellt sich die Frage, wollt ihr das so weitermachen zum Beispiel im Englisch-Unterricht ?

Kinder: Also ich würde das gerne so weitermachen, weil es Spaß gemacht hat mit den Bewegungen. Witzig, wie man es mit den Fingern so nachmacht – erst ein, dann zwei, dann viele Stars. Wonderful, wundervoll.
Prof. Spitzer:  Also Zeit braucht man dazu ! Die Umsetzung ist immer das Schwierigste, das braucht wirklich Zeit und davon brauchen wir mehr.
Kinder: Hurray, hurray, we‘ve made it !

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Kommentare zu „Hirnforschung trifft Schule – Das Transfer-Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm“

Es sind 3 Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

  1. Rudolf Rohde
    schreibt am 14. Dezember 2010 13:24 :

    Echte Spitze! Sehr gute Idee!
    mens sana in corpore sano würden meine alten Lehrer, die Lateiner, gesagt haben.
    oder Lichtenberg. Es ginge mehr, wenn man mehr ginge.
    Ganzkörperlernen, das bringt echtes Lernvergnügen!
    Mein Werbevorschlag:
    Schenk Deinem Kind zu Weihnachten solch einen „Spitzer“ und schon klappts!
    Danke, dass sich Professor Spitzer professionell dafür einsetzt..
    Rudolf Rohde Bad Homburg

  2. Klaus Wende
    schreibt am 27. Dezember 2010 17:49 :

    Ja, toll. Scheint eine fundamentale Idee zu sein und so logisch, da kann man nur gratulieren. In Gemeinschaft lernt es sich besser, Anreiz ist größer, Besser-sein-wollen, verbinden mit Körperarbeit, das ist mit anderen Sachen auch so. Kann man nur hoffen, daß es Schule macht.
    Und das wird dauern…
    Gute Zeit, viel Erfolg,

  3. hm
    schreibt am 30. September 2016 19:57 :

    Sehr heruntergebrochen und daher auf den ersten Blick einleuchtend. Aber wie sieht das im Alltag aus, wenn Gewöhnungseffekte auftreten? Zudem ist dieses „Konzept“ von Lernen bei einfachen Stoffen leichter zu planen, anzuwenden und aus der Natur der Sache heraus auch besser und schneller zu verstehen. Wie sieht das aber in höheren Klassen aus, wenn rein abstrakte Dinge vermittelt und behalten werden sollen?

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