. .

Ein Projekt von: BR | NDR | SWR | WDR

Scherben, Kirchen, versunkene Städte: Auf archäologischer Schatzsuche im Wattenmeer

03.12.2010, von , in Karte anzeigen

Schatzsuche im Wattenmeer (Foto: Mayke Walhorn)

Bereits in der Antike träumten Menschen von im Meer untergegangenen Städten: Der Mythos Atlantis entstand. Ein ganzes Inselreich, mit einer gewaltigen Seemacht, das infolge einer Naturkatastrophe von einem auf den andern Tag im Meer versunken sei, so beschrieb es Platon. Eine Utopie, ein Traum, der  Menschen immer wieder begeistern konnte. Kulturstätten, die bei Sturmfluten vollständig im Meer versunken sind, gab es, allerdings durch die verschiedenen Jahrhunderte hinweg wirklich immer wieder. Auch in der Nordsee haben Wissenschaftler dafür Belege gefunden. Mayke Walhorn hat sich mit einem Archäologen auf Schatzsuche ins Nordfriesische Wattenmeer begeben.

Der Wind ist beißend kalt – aber auch wenn die Temperaturen nicht gerade einladend sind: Martin Segschneider, Archäologe am Archäologischen Landesamt in Schleswig-Holstein, steht hier trotzdem mitten im Schlick. Dick eingepackt in eine braune Wind und Wetterjacke, in kniehohen Gummistiefeln, stapft er nämlich regelmäßig mit seinen Kollegen bei Ebbe hier durchs Nordfriesische Wattenmeer. Was suchen Sie hier?

Kleinfunde aus dem Schlick verraten eine vor 400 Jahren untergegangene Siedlung ( Foto: Archäologisches Landesamt Schleswig-Holstein)

Dr. Martin Segschneider:
Wir suchen untergegangene Siedlungen. Das Wattenmeer in Nordfriesland ist eine Schatzkammer für die Siedlungsforschung! Wir haben hier eine alte Kulturlandschaft, die vom Meer verschlungen worden ist, und in dieser Wattenmeerlandschaft liegen hunderte von Siedlungsspuren! Darum geht es, das besser zu verstehen, was hier eigentlich passiert ist: Wann konnte der Mensch hier leben? Wann musste er seine Siedlungen hier aufgeben? Das können
wir nur herausbekommen durch die Funde, die wir hier finden.
Inzwischen ist es fast 700 Jahre her, dass bei der „Groten Manndränke“, einer gewaltigen Sturmflut, große Landstücke an der Nordsee untergegangen sind – und einer der versunkenen Orte ist das bis heute sagenumwobene Rungholt. Nach der Legende war das eine ganz bedeutende Metropole, „reich und sündig“, wie es in den Geschichten, die erzählt werden, heißt, was ist dran an der Legende? Gab es Rungholt wirklich oder wie sieht es aus?

Also es ist eindeutig belegt, dass Rungholt existiert hat, aber dass es nun so ein prächtiger Ort war, alles Quatsch! Das war ein Ort unter vielen! Und die anderen Siedlungen sind genauso interessant wie Rungholt. Auch hier finden wir einige Kulturspuren, in dem Raum, in dem wir uns jetzt hier befinden: Der Deich ist hier 1634 gebrochen, die Kirche wurde umspült, der Ort ging unter. Und jetzt gehen wir mal los und gucken uns die Ruine an! Wenn der Boden sehr schlickig wird und man einsinkt, dann  kann man praktisch wie beim Schlittschuhfahren über den Schlick gleiten, indem man die Sohlen einfach auf dem Boden lässt und einfach den Fuß nach vorne schiebt!  Und dann gleitet man durch die Gegend und kommt viel besser voran, als wenn man jetzt versucht, jedes mal den Fuß aus dem Boden zu ziehen!

Ein alter Archäologentrick?

Dr. Martin Segschneider:
Nein , das habe ich mir schon als Kind angewöhnt: Ich bin auf Amrum aufgewachsen, und wir haben viel im Wattenmeer gespielt. Da ergibt sich so etwas ganz automatisch!

Der Grabungstechniker Jan Fischer sucht mit dem Metalldetektor nach Spuren aus der Vergangenheit

Vor uns im Watt ist jetzt eine Reihe von etwa 60 Granitsteinen aufgetaucht. Sie sind überwuchert von Seepocken und Algen, ein bisschen sieht das von hier aus, wie die Köpfe von Seehunden – aber sie bewegen sich nicht. Das sind die Überreste des Kirchenfundaments. Jan Fischer, der Grabungstechniker, steht zwischen den Steinen und wedelt einen Metalldetektor über den Boden, der ein bisschen aussieht, wie eine große Fliegenklatsche. Hat er schon ausgeschlagen?

Jan Fischer:
Ja, ich habe ein Signal! Dieses Pfeifen! Das zeigt an, dass da irgendwo eine Störung des Magnetfeldes gemessen wird im Untergrund und da können wir ja mal nachschauen.

Herr Fischer gräbt jetzt ein Loch und zwischendurch hält er immer wieder seinen Metalldetektor in die Kuhle hinein. Inzwischen kommt auch immer mehr brauner Schlick aus dem Watt hervor – mit jeder Schaufel wird er brauner –  was auf Metall hinweisen könnten.

Jan Fischer:
Das ist noch tiefer!

Dr. Martin Segschneider:
Wollen wir das Loch mal ausschöpfen?

Jan Fischer, Grabungstechniker
Ja, so, genau!

Der Grabungstechniker fängt jetzt an, mit den Fingern den Schlick zu durchkämmen.

Jan Fischer:
Da! Eine fette Bleirolle!, Ein Netzgewicht von der Fischerei. Aus der Zeit der untergegangenen Siedlungen hier vor 1634! Heute sehen solche Bleigewichte ja anders aus!

Dr. Martin Segschneider:

Hier im Bereich der Kirche hat man auch ein wunderschönes Pilgerabzeichen gefunden, das aus Rom stammt! Das zeigt das Antlitz Jesus, mit dem Heiligenschein und das zeigt eben, dass hier Menschen gelebt haben. Und heute sieht man eigentlich fast nichts mehr davon. Also: Es ist alles sehr vergänglich, und trotzdem können wir dann durch so einen kleinen Fund doch noch ganz viel davon erahnen!

Martin Segschneider läuft mit seinen Kollegen fast ein bisschen wie im Zickzack durchs Watt: Immer wieder entdecken sie etwas Neues – und jetzt gerade sind sie auch schon wieder stehen geblieben:

Dr. Martin Segschneider:
Also wir haben hier gerade drei Keramikscherben gefunden, die sind sehr dünn und hart gebrannt: Orange-rot auf der Innenseite und dann schwarz auf der Außenseite.

Wenn man die gegeneinander schlägt, dann klingt das ein bisschen hart – das ist ganz typisch für diese mittelalterliche gebrannte Keramik! Wir sprechen da von hart gebrannter Grauware, und die können wir zeitlich ganz gut einordnen, die gehört ins hohe Mittelalter, ins 13., 14. Jahrhundert!  Wir finden dann aber auch jüngere Keramik, so wie dieses dicke Henkelstück: Da sehen Sie, da ist Glasur drauf, das ist ganz anders hergestellt, das ist viel jünger. Also wir haben hier vielleicht sogar zwei Siedlungsphasen, die übereinander liegen an diesem Ort! Es scheint eine sehr reichhaltige Fundstelle zu sein! Und ich glaube, dieser Fundbereich ist neu. Der ist hier durch Landgewinnungsarbeiten aufgebaggert worden und im Baggergut finden wir dann entsprechende Funde und ich denke, das ist hier ein neues Puzzlestück für unser großes Puzzle der Wattenmeerbesiedlung darstellt.

Ein Fundstück aus dem Schlick: ein Gebiss (Foto: Mayke Walhorn)

Der Grabungstechniker Jan Fischer beugt sich gerade zu Boden und ich kann nicht ganz glauben, was er aufhebt! Zwischen Muscheln und Steinen – es ist tatsächlich ein Gebiss!!! Die Zähne sind ganz schwarz – es sind neun Zähne noch in dem Gebiss – ein Unterkiefer wahrscheinlich… warum finde ich hier im Watt Menschenknochen? Das ist ja doch ein wenig unheimlich!

Jan Fischer:
Wir stehen ja hier auf den Resten einer alten Kirche und um Kirchen herum gibt es immer Gräber.

Also ein alter Friedhof?

Davon ist auszugehen..

Dr. Martin Segschneider:
Man sieht an diesem Gebiss, dass die Backenzähne stark abgeschliffen sind: Das liegt daran, dass im Mittelalter sehr grobe Steinmühlen zum Mahlen des Getreides verwendet wurden. Und dieses Steinmehl, das man immer im Brot mit drin hatte, das hat dazu geführt, dass die Zähne sehr stark abgeschliffen worden sind, im Laufe der Jahrzehnte. Und:
Wir haben jetzt auflaufendes Wasser! Und entsprechend ziehen wir uns jetzt zurück!

Und schon geht es mit vollen Eimern wieder Richtung Küste. Herr Segschneider macht ein zufriedenes Gesicht – auch wenn sein Eimer nur voller Scherben ist. Aber Scherben bringen ja auch bekanntlich Glück! Vor allem einem Archäologen, der im Watt auf Spurensuche ist…

Dr. Martin Segschneider:
Also ich würde sagen: Jeder Tag am Meer ist ein guter Tag!

Share

Comments are closed.

Kartendarstellung

Karte
 

Der SWR ist Mitglied der ARD.

Impressum | SWR ©2019