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Dem Burnout auf der Spur – das Trierer Institut für Psychobiologie

15.11.2010, von , in Karte anzeigen

Celine Franzen-Pleymling  und Torsten Hero vom Institut für Psychobiologie der Uni Trier

Celine Franzen-Pleymling und Torsten Hero vom Institut für Psychobiologie der Uni Trier

Nach den Rückenleiden ist Stress die Volkskrankheit Nummer 1. Aber Stress ist nicht gleich Stress: Es gibt ganz unterschiedliche Ursachen dafür, warum der Spiegel des Stresshormons Cortisol steigt. Und auch die Symptome unterscheiden sich gravierend voneinander. Dennoch ist es bislang gängige Praxis, dass die Ärzte für ganz unterschiedliche Erscheinungsformen des „Burnout“  dieselben Psychopharmaka verschreiben. Da muss eine differenziertere Diagnosemethode her, sagten sich die Wissenschaftler am Institut für Psychobiologie der Universität Trier. Neuropattern heißt diese Methode, die sich nach zehnjähriger Entwicklungsarbeit jetzt an insgesamt 2000 Patienten in Rheinland-Pfalz erproben. Und deren Ziel es eben ist, Stress-Erkrankungen bei Patienten genauer zu diagnostizieren und letztlich dann auch zu behandeln. Eine Reportage von Doris Maull.

Volkskrankheit Stress

Volkskrankheit Stress

Ein Mittel gegen Stress gibt es natürlich noch nicht, aber die Wissenschaftler hier am Institut für Psychobiologie der Universität Trier arbeiten daran, Stress besser und vor allem eindeutiger zu diagnostizieren. Dazu haben sie eine Diagnose-Methode entwickelt: Neuro-Pattern nennt die sich, und so ein Neuro-Pattern-Test-Set liegt jetzt hier im Büro von Torsten Hero, einem Mitarbeiter des Instituts, vor uns auf dem Tisch. „Neuro Pattern- The Science of Stress Diagnostics“ steht da oben drauf. Das ist ein DIN A4 großer Karton, blau-grau, den kann man öffnen und dann kommt ein ganzer Stapel Papiere zum Vorschein und insgesamt 16 durchsichtige Plastikröhrchen mit blauem Schraubdeckel. Außerdem gehört zu diesem Set noch ein Mini-EKG-Gerät. Tja, und da stellt sich natürlich die Frage, was hat es mit diesen ganzen Dingen auf sich, Torsten Hero?

Das Ganze läuft so ab, dass die Patienten von uns zuerst einen Satz Fragebogen bekommen, die sie zuhause dann erstmal ausfüllen dürfen. Nachdem sie die Fragebogen ausgefüllt haben, müssen sie eine Nacht mit dem Mini-EKG verbringen, da wir dadurch verschiedene Parameter messen können. Abschließend müssen an drei aufeinanderfolgenden Tagen Speichelproben gesammelt werden. Diese Speichelproben bestehen aus diesen eben beschriebenen kleinen Plastikröhrchen und Wattebällchen. Diese Wattebällchen, die sich in den Röhrchen befinden, müssen die Patienten einfach in den Mund nehmen und dann in Ruhe darauf rum kauen, um Speichel zu sammeln, was so recht einfach möglich ist.

Darf ich mal so ein Röhrchen haben? Können Sie mir das rausholen, dann probieren wir das mal. Auf die Hand, dann versuche ich mal, darauf zu beißen. – Das ist ziemlich hart, es fühlt sich so an wie die Salivette, die man beim Zahnarzt zwischen die Zähne kriegt. Aber wie genau das mit diesem Plastikröhrchen oder Salivetten funktioniert, wie die auf ihren Gehalt der Stress-Hormons Cortisol hin analysiert und untersucht werden, dass schauen wir uns jetzt gleich mal im Labor an. Da gehen wir jetzt mal rüber ins Labor.

Eine der Zentrifugen, in der die Speichelproben aufbereitet werden

Eine der Zentrifugen, in der die Speichelproben aufbereitet werden

Dieses Labor ist eigentlich ein ganz unspektakulärer Raum, ein bisschen laut ist es hier, er ist etwa so groß wie ein kleines Wohnzimmer. Da stehen vor allem, sehe ich, zwei große Kühlschränke drin, außerdem unterschiedlich große Maschinen, die offensichtlich alle der Analyse dieser Salivetten oder Plastikröhrchen mit dem Speichel der Patienten dienen. Celine Franzen-Pleymling ist zuständig für die Untersuchung der Salivetten.  Wir stehen jetzt hier an der Zentrifuge. Frau Franzen, was genau passiert jetzt hier in dieser Zentrifuge?

In der Zentrifuge zentrifugieren wir die eingegangenen Proben ab, so dass wir anschließend den Speichel in unserem Test einsetzen können.

Und wie geht das dann weiter mit dem zentrifugierten Speichel?

Den zentrifugierten Speichel setzen wir auf Platten ein, da geben wir dann noch Reagenzien hinzu und lassen den dann 30 min inkubieren. Nach der 30-minütigen Inkubation wird die Platte gewaschen, dafür haben wir auch ein spezielles Gerät, das ist ein Washer, den haben wir hier.

Im so genannten Washer werden die Proben vor der Analyse nochmals gereinigt

Im so genannten Washer werden die Proben vor der Analyse nochmals gereinigt

Das sehen wir hier. Das ist eigentlich ein relativ kleines Gerät. Da ist so eine Plastikplatte drauf, und rechts gibt’s mehrere Schalter, da kann man dann „Start“ drücken. Vielleicht können wir das jetzt mal machen.

So, jetzt habe ich den Washer angemacht, jetzt fühlt er sich mit einem Puffer  und wäscht mir im Prinzip meine Platte.

Und, Torsten Hero, was passiert jetzt mit  diesen Platten und überhaupt in diesem Versuchsprojekt, wenn die Platten gewaschen sind?

Nachdem die Platten gewaschen sind, erhalten wir aus unserem Labor die Cortisol-Werte. Diese Cortisol-Werte werden zusammen mit unseren Auswertungen der Fragebögen und den EKG-Daten zu Neuro-Pattern-Befundbericht integriert. Und dieser wird dann an den Patienten versendet mit Empfehlungen zu seiner persönlichen, individualisierten Selbsthilfe. Was diese Selbsthilfe macht? Dahin gehen wir jetzt gleich mal.

Wir haben den Standort gewechselt und befinden uns jetzt im Büro von Friedemann Gerhards. Er ist auch Institutsmitarbeiter und derjenige, der die Selbsthilfe-Module für die Stress-Patienten entwickelt hat, die an diesem Versuch teilnehmen. Und zwar Selbsthilfe-Module fürs Internet. Herr Gerhards, wie genau funktionieren diese Module, und können diese Module tatsächlich Menschen, die unter Stress leiden, helfen?

Ja. Wir gehen davon aus, dass jeder, der unter Stress leidet, die Möglichkeit hat, auch selbst etwas zu tun. Also nicht nur fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen, sondern selbst aktiv zu werden und dabei können solche Module helfen, wie dieses Modul hier zum Beispiel, mit dem man Techniken zur Entspannung vermittelt.

Und wie viel Module gibt’s da insgesamt?

Wir haben insgesamt 12 Module entwickelt, die wir den Betroffenen anbieten und je nachdem, wie das spezifische Stress-Muster aussieht, werden ganz spezifische Module angeboten

Atmo: Und allmählich immer mehr übergeht in ein Gefühl der Entspannung ….

Also, wie wir sehen konnten: Die Wissenschaft arbeitet fleißig daran, Stress besser zu diagnostizieren. Mit dem Speicheltest, dem EKG und den Fragebögen ein genaues Stress-Profil, das jeweilige Neuropattern zu identifizieren. Und gleichzeitig mögliche Therapien zu entwickeln. Wobei die Stress-Module natürlich nur ein Teil des Ganzen sind.
Nach Abschluss des Versuchs mit 2000 Testpersonen in Rheinland-Pfalz, soll das Diagnose- und Behandlungsmodell dann auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet werden – wenn die Behörden und Gremien es zulassen.

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