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100 Jahre Seefischereiforschung in Hamburg

08.11.2010, von , in Karte anzeigen

Das Forschungsschiff Solea

Das Forschungsschiff Solea

„Kein Butt mehr da!“ so lautete die Nachricht, die vor genau 100 Jahren die Hamburger Kaufleute in Angst und Schrecken versetzte: Nicht nur, dass sie den Plattfisch selbst gerne zum Mittag- oder Abendessen auf dem Teller hatten – sie wollten auch damit handeln. Der Butt, ein Fisch aus der Familie der Schollen  – besser bekannt als Flunder –  war in ganz Deutschland beliebt. Hatten die Hamburger zuviel davon gefischt? Oder hatte ihm eine Krankheit den Garaus gemacht? Das wollten die hanseatischen Kaufleute heraus finden – und gründeten ein eigenes Institut. Wissenschaftler sollten die Ursachen für den Rückgang ihres Leib- und Magen-Fisches erforschen und nach Lösungen suchen. In diesem Jahr feiert die Seefischereiforschung in Hamburg ihren 100. Geburtstag. Lange geht es nicht mehr nur um den Butt. Mayke Walhorn hat den Forschern bei ihrer Arbeit an Land und auf See über die Schulter geschaut.


Es ist sechs Uhr morgens. Die Fischereibiologie-Studentin Linda Olmos-Pino reibt sich die Augen. Schon wieder kein Frühstück. Auf der Solea, einem der Forschungsschiffe des Instituts für Seefischerei, kann das schon mal passieren. Seit zweieinhalb Wochen ist das Schiff bereits in der Nordsee unterwegs – und zu welcher Tages- oder Nachtzeit auch immer: Die Fische haben Vorrang, sagt Olmos-Pino, während sie sich hastig in ihr Ölzeug wirft.

Aus der Kajüte heraus, die engen Treppen des Schiffes hinunter, und schon ist sie auf dem Unterdeck angekommen. Vier der Matrosen stehen vor einer großen Winde. Gemeinsam  ziehen sie an den schweren Ketten, die an dem Schleppnetz befestigt sind, dass sie vor einer halben Stunde ausgeworfen haben. Stück für Stück rollt sich das Netz auf der Winde auf – bis schließlich die ersten zappelnden Flossen darin zu sehen sind.

Linda Olmos-Pino:
Da wird gerade das Netz hochgehievt. Da oben ist ein Kran und dann kommen die Fische in diesen Behälter da vorne  –  und dann auf das Laufband direkt ins Fischlabor!

Solea--Fischlabor_512

Im Forschungsschiff Solea werden die Fische nach Arten und Größe sortiert

Zwei bis sechs Fänge pro Tag werden an Bord ausgewertet: Jeder einzelne der gefangenen Fische wird im Labor gezählt, in seiner Art bestimmt, vermessen und gewogen, erklärt der Fischereibiologe Norbert Rohlf:

Uns interessiert die Zusammensetzung der Fischbestände in der Nordsee – auf dieser Reise ganz speziell aller Heringsartigen Fische! Das sind also die Heringe selbst, die Sprotten, die Anchovis und die Sardinen! Und wir sind auf der Reise dabei festzustellen, wie viel Fischschwärme sich in der Nordsee aufhalten. Wenn wir Schwärme finden, dann befischen wir die ganz gezielt, um zu sehen, wie sich diese Schwärme zusammen setzen, welche Arten da enthalten sind, und wie lang die Tiere sind und wie schwer.

Daten, die die Wissenschaftler nach der Forschungsreise in Hamburg, im Johann Heinrich von Thünen-Institut für Seefischerei, auswerten werden. Anhand der Stichproben, die sie auf See machen, berechnen sie, wie es um den Nachwuchs der jeweiligen Art bestellt ist. Sind die Bestände überaltert, müssen die Ursachen für das Ausbleiben der Jungfische gefunden werden. Krankheiten, Überfischung, eine Veränderung von Wasser oder Strömungsverhältnissen oder auch klimatische Bedingungen – Fische reagieren auf all diese Dinge, sagt der Fischereibiologe Rohlf:

Also wir haben bei dem Hering in der Nordsee das Phänomen, dass wir seit vielen Jahren schwache Nachwuchsjahrgänge haben, und wir hoffen, natürlich, dass wir jetzt wieder mehr Junghering finden, letztendlich können wir das erst dann sagen, wenn wir diese Reise komplett ausgewertet haben.

Das Fließband ruft, schmunzelt Rohlf und eilt zu seinen Kollegen ins Labor. Zwischen Quallen und Seesternen unzählbar viele zappelnde silberne Fische fallen durch eine Luke auf ein weiteres Laufband, das den Forschern als Arbeitsfläche dient. Diesmal ist es ein großer Fang:

Auf den ersten Blick sehe ich nur Heringe, die Heringe sind immer ganz glatt am Bauch, die Sprotten haben Kiesschuppen am Bauch, wenn man da mit einem Finger drüber streift, dann bleibt man hängen, ansonsten gibt es da noch ziemlich viele Sandaale, auch gefleckt!

Und schon geht es ans Zählen, Wiegen und Messen. Einige der Fische werden in kleine Tüten verpackt, auf denen die genauen Koordinaten des Fangortes vermerkt sind. Die anderen – als alles vorbei ist – wieder über Bord geworfen. Sie überleben den Vorgang nicht, sagt die Studentin Olmos Pino ein wenig nachdenklich, inzwischen wieder an Deck. Vor ihr, auf dem Boden, liegt ein gekrümmter Seestern, der vom Band gefallen ist.

Anfangs war das sehr schwer. Mittlerweile steht eher der Gedanke im Vordergrund, dass das Ziel dann zählt. Weil eine andere Möglichkeit, den Bestand der Fische oder überhaupt zu wissen, was da vor sich geht im Wasser, das gibt es ja nicht.

OberdeckSolea_512

Auf der Solea werden wertvolle Erkenntnisse über die derzeitigen Fischbestände gewonnen

Ein weiterer Trost: Die Tiere, die tot über Bord gehen, werden von anderen Meeresbewohnern gefressen, dem Ökosystem also wieder zurück gegeben. Und insgesamt ist es der Sinn der Forschungsfänge, die Bestände vor Überfischung zu schützen: Anhand der Daten, die in allen Abschnitten der Nordsee zeitgleich mit Forschungsgruppen aus den anderen Anrainerstaaten gesammelt werden, errechnet der Internationale Rat für Meeresforschung in Kopenhagen die jährliche Fangquotenempfehlung. Die wird an die EU-Kommission weiter geleitet.

Ob und inwiefern die Fischereiminister den wissenschaftlichen Rat dann auch beherzigen, ist eine andere Frage. Nicht selten fielen in der Vergangenheit die Quoten höher aus, als von Wissenschaftlern geraten.  Das sorgt unter  den Fischereiforschern manchmal für Frustration – doch eins steht trotzdem fest, sagt Norbert Rohlf, als er nach einem langen Arbeitstag an Deck der Solea steht: Die Seefischereiforschung habe das Bewusstsein für Nachhaltigkeit in der Bewirtschaftung der Meere verändert: Ohne sie wäre in den letzten 100 Jahren sprichwörtlich ins Blaue gefischt worden. Ein Gefühl, das ihn immer wieder von seiner Arbeit auf See überzeugt:

Ich mache diese Reisen schon einige Jahre – aber man ist jedes mal gespannt, welche Tiere man denn mit dem Netz erwischt hat! Rein gefühlsmäßig haben wir aber etwas mehr Junghering gesehen, als im letzten Jahr, so dass wir zumindest in unserem Gebiet ganz guter Hoffnung sind, dass sich die Situation etwas verbessert hat.

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