Wie hat sich die Grammatik von Sprachen entwickelt?

von Gabor Paal am 01.10.2018, Kommentar hinzufügen

Ich möchte mal ein Beispiel nennen, das vielleicht eine ungefähre Vorstellung geben kann, wie sich Sprache und grammatische Wortendungen entwickelt haben. Nehmen wir unsere Vergangenheitsformen bei den regelmäßigen Verben. Wir hängen da ein –te an: Ich sag-te, ich koch-te usw. Die Sprachforscher gehen davon aus, dass dieses te, dieser t-Laut ursprünglich aber eigenständiges Wort war, das mit der Zeit zu einer Endung verkümmerte.

Dieses ursprüngliche Wort ist wohl verwandt mit unserem Wörtchen „tut“ oder „tat“. Also „ich redete“ war demnach im Protogermanischen ein Ausdruck, analog so wie wenn man heute sagen würde: „ich reden tat“, und, was dann zu einem Wort mit Endung „redete“ verschliffen wurde. Oder ein anderes Beispiel: Wir kennen alle die Vorsilbe „un-“: unglücklich, Unsitte, ungefähr. Dieses un-, mit dem wir so viele Wörter in ihr Gegenteil verkehren können, dieses un- war ursprünglich ein verkürztes „ohne“. D.h. das Wörtchen „ungefähr“ ist vom Ursprung her genau das, was wir von der Lottofee kennen: nämlich eine Zahl „ohne Gewähr“. Das sind jetzt nur kleine Beispiele, die aber vielleicht einen Eindruck geben, wie man sich die Sprachentwicklung vorstellen muss.

Und wie erklärt man sich die Fälle: Genitiv, Dativ, usw.?

Im Grunde ähnlich. Zunächst mal gibt es ein Bedürfnis, bestimmte Situationen zu unterscheiden. Beißt der Hund den Mann oder der Mann den Hund. Und dann ist die Frage, wie unterscheidet man das. Entweder durch die Satzstellung – wie heute im Englischen – oder aber durch Wortformen, also Endungen. Und da kann man sich vorstellen, dass das genauso war wie bei den Verben. Also das die Genitiv-Endung ursprünglich ein eigenständiges Wort war, eine Art Besitzindikator. Oder dass die Dativ-Endung in den verschiedenen Sprachen ursprünglich so etwas ausgedrückt hat wie „für“ – denn das drückt der Dativ ja in der Regel aus, dass etwas jemandem zusteht.

Ich bin auf die Frage gekommen, weil Sprachen heute immer mehr vereinfacht werden …

Tatsächlich werden Sprachen nicht immer nur einfacher, sondern es gibt auch heute noch Entwicklungen in beide Richtungen. Auf der einen Seite gibt es tatsächlich das Phänomen, das Sie beobachten, also dass bestimmte Elemente der Sprache einfacher werden, reduzierter. Ein Beispiel im Deutschen wäre das Verschwinden des Dativ-e. Man sagt heute kaum noch: Ich befinde mich „im Hause“ und gebe mich dem „Spiele“ hin, dieses Dativ-e, ist aus der Mode gekommen. Aber solche Vereinfachungstendenzen gehen immer nur solange, wie es dadurch nicht zu Missverständnissen kommt. Sobald Missverständnisse drohen, wird das dann oft wieder an anderer Stelle kompensiert.

Dazu vielleicht ein Beispiel aus den romanischen Sprachen. Wenn wir das Spanische mit dem Französischen vergleichen. Im Spanischen ist es wie ursprünglich im Lateinischen: Sie brauchen im normalen Satz keine Personalpronomen. Nehmen wir das Wort „Pensar“: Wenn ich das konjugiere – Pienso, piensas, piensa – da lassen sich durch die Verbendung die Personen ich, du, er, sie, es, klar auseinanderhalten. Im französischen wird die ursprüngliche Wortendung gar nicht mehr ausgesprochen. Je pense, tu penses, il pense – das klingt alles gleich. Und deshalb brauchen die Franzosen das Personalpronomen, um unterscheiden zu können, um wen geht’s jetzt eigentlich? D.h. die Verbformen haben sich einerseits stark vereinfacht, aber durch das zusätzliche Personalpronomen ist es wieder komplizierter geworden. So entwickelt sich Sprache. Wenn Sie sich dafür mehr interessieren, vielleicht noch ein Buchtipp: Steven Pinker: „Wörter und Regeln – Die Natur der Sprache“.

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