Warum sind Sprichwörter mal mehr, mal weniger beliebt?

von Rolf-Bernhard Essig am 13.08.2009, Kommentar hinzufügen

Das ist jetzt sehr global formuliert. Ich kenne mich bei deutschen und europäischen Sprichwörtern ganz gut aus; weltweit allerdings nicht. Aber wenn wir Deutschland nehmen, kann man ganz klar sagen, dass es Hoch-Zeiten gibt.

Das 15./16. Jahrhundert war ganz verliebt in Redensarten und Sprichwörter; Martin Luther hat sehr viele gesammelt und geprägt, die wir bis heute verwenden bzw. die durch seine Bibelübersetzung in Schwange gekommen. Es gibt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im sogenannten Bildungsbürgertum eine richtige Mode, mit geflügelten Worten und Zitaten von Schiller oder Goethe anzugeben oder mit mehr oder weniger verstandenen lateinischen Sprichwörtern. Ein Beispiel dafür ist „manus manum lavat“, also „eine Hand wäscht die andere“.

In der NS-Zeit, also während des „Dritten Reiches“, hat man ebenfalls – natürlich deutsche – Sprichwörter und Redensarten verwendet: „hart wie Kruppstahl“, „zäh wie Leder“, „flink wie Windhunde“ zum Beispiel. Damit hat man natürlich versucht, die Jugend oder die älteren Leute zu packen. Die waren sehr klug in Bezug auf Rhetorik und Manipulation.

Deswegen kam es durch die 68er dazu – eine linke, kritische Sicht auf diese Sprachmanipulation – dass man das Kind mit dem Bade ausgeschüttet hat und gesagt hat, das ist ja alles Rhetorik, Manipulation – das wollen wir nicht mehr haben. Man hat daher Redensarten und Sprichwörter sehr verdächtigt und wollte sie gar nicht mehr hören. Dadurch gab es eine regelrechte Krise der Sprichwörter und Redensarten – allerdings vor allem im offiziellen Bereich. In den Familien, im Alltag sind sie weiter verwendet worden.

Man kann also sehr gut sehen, dass Redensarten und Sprichwörter diesen Konjunkturzyklen folgen. Manchmal sieht man sie sehr kritisch, und manchmal empfindet man sie einfach als einen sehr interessante Aspekt unseres Wortschatzes.

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