Gibt es ungefährlichere Schmerzmittel als Morphium, die nicht so schnell süchtig machen?

von Sven Gottschling am 18.01.2018, Kommentar hinzufügen

Ich möchte zwei große Medikamentengruppen darstellen:Das eine sind die nicht-opioiden Schmerzmedikamente – wir kennen alle Aspirin, Ibuprofen, Paracetamol – und das andere sind die Opioid-Schmerzmedikamente, das heißt Morphin und seine Verwandte. Und jetzt kommt die große Überraschung: Morphin und verwandte Substanzen sind die einzigen Schmerzmedikamente, die auch in der Langzeitanwendung über Jahre oder Jahrzehnte keinerlei Organnebenwirkungen verursachen. Das heißt, diese Medikamente könnte man 100 Jahre lang schlucken, ohne dass Leber, Nieren oder etwas anderes zerstört wird.
Bei Abhängigkeit und Sucht muss man differenzieren. Es gibt zwei Formen der Abhängigkeit: Die eine ist die körperliche Abhängigkeit und die andere ist die psychische Abhängigkeit, bei der wir auch von Sucht sprechen. Die körperliche Abhängigkeit wird von vielen Substanzen und Medikamenten verursacht. Das bedeutet, wenn ich eine Substanz über lange Zeit nehme und schlagartig absetze, beschwert sich der Körper, weil er das, was er kennt, wieder haben möchte. Dem kann man begegnen, etwa wenn man das Medikament irgendwann nicht mehr möchte oder nicht mehr braucht, indem man das Medikament mit dem Arzt verantwortungsvoll ausschleicht. So ist das eigentlich kein Problem mehr.
Betrachtet man die psychische Abhängigkeit, die man auch Sucht nennt, ist das Risiko besonders groß durch schnell anflutende Medikamente, die sehr rasch sehr hohe Wirkstoffspiegel im Blut erzeugen, das heißt: schnell und kurz wirksame Substanzen. Dem sollte man als Arzt begegnen, indem man verzögert wirksame Medikamente verordnet als Tabletten oder Pflastersysteme, die eben nicht rasch anfluten und nicht dieses Gefühl von „Spaß im Kopf“ erzeugen. Kommt dieses Gefühl nicht auf, ist das Risiko einer psychischen Abhängigkeitsentwicklung, sprich einer Suchtentwicklung, nahe null.
Die USA hatte jetzt aber gerade den nationalen Opioid-Notstand ausgerufen. Dort ist nämlich genau das passiert und es wurden Menschen schnell und kurz wirksame Medikamente verordnet, zum Teil über wenige Tage. Sie hätten nach einer großen Operation noch ein paar Tage länger diese Medikamente gebraucht in einer anderen Darreichungsform, stattdessen hat man sie schlagartig wieder abgesetzt. Die Leute haben sich dann auf der Straße Heroin besorgt – was in den USA anders und leichter möglich ist. Ich glaube, wenn wir hier verantwortungsvoll diese opioiden Medikamente einsetzen, haben wir sehr sichere Medikamente, mit denen wir die Menschen extrem gut einstellen können. Opioide können wir viel feiner dosieren und eine bessere Schmerztherapie durchführen als mit den nicht-opioden Medikamenten. Die wirken nämlich nur über Enzymblockade-Mechanismen, während Opioide über Rezeptoren wirken. Das heißt, wir können eine ganz kleine Dosis reinstreicheln für ein bisschen Wirkung, können aber auch bei Tumorpatienten richtig klotzen. Diese Medikamente haben keine Dosisobergrenze, das heißt, wir haben auch bei schlimmsten Erkrankungen immer noch eine Bewaffnung und können jedem Menschen sagen: „Wenn du irgendwann das 10- oder 100-fache brauchst, wirst du es bekommen und es wird wirken.“ Das sind keine Medikamente für den banalen Kopfschmerz oder für Kleinigkeiten. Das sind hochwirksame Medikamente, aber in den Hände von erfahrenen Ärzten sind die dann sehr segensreich.

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Beantwortet von Sven Gottschling am 18.01.2018 in Gesundheit, Medizin, Körper, Stichworte: , , , , , , .

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