Werden akute Schmerzen im Gehirn anders verarbeitet als chronische Schmerzen?

von Walter Zieglgänsberger am 22.06.2017, 1 Kommentar

Das sieht im ersten Moment sehr ähnlich aus, weil chronischer Schmerz meist mit Akutschmerzsignalen verbunden ist. Akuter Schmerz, wenn er zum Beispiel im Rücken auch chronisch wird, fängt mit einem akuten Schmerzereignis an. Aber nach einer gewissen Zeit wird sich dieser Schmerzreiz auch in den limbischen Strukturen, das sind Anteile des Gehirns, in denen unsere Psyche, unsere Gefühle, unsere Stimmung gestaltet wird, festsetzen. Langsam bildet sich im Gehirn eine Erwartungshaltung aus, die uns Angst macht. Wenn man Schmerzpatienten, die schon lange Zeit unter diesen Schmerzen leiden, untersucht, sieht man , dass die Strukturen, die vorher bei akuten Schmerzreizen reagiert haben, in den Hintergrund treten und plötzlich ganz andere Strukturen im Gehirn anspringen und aktiv werden, die mehr mit unseren Gefühlen, mit unserer Stimmung, mit Angst, mit Depression assoziiert sind.

Ist das dann das sogenannte Schmerzgedächtnis?

Das ist das Schmerzgedächtnis. Das ist nichts anderes als eine Erinnerung, die aber natürlich sehr quälend ist. Wenn Sie sich erinnern, dass der Schmerz, der irgendwann einmal akut begonnen hat und Sie ein Ziehen oder „Messer“ im Rücken gespürt haben und glauben, zu zerbrechen, weil das ein wahnsinniger Schmerz ist, dann erinnern Sie sich, dass der zwar wieder weggegangen ist, aber immer, beispielsweise, mit einem leichten Ziehen assoziiert war, wenn es losgeht. Wenn dieses leichte Ziehen wiederkommt, denken Sie automatisch: Jetzt kommt das wieder, jetzt kann ich plötzlich das nicht mehr machen und ende vielleicht im Rollstuhl. Da gibt es die wildesten Phantasien, obwohl es in fast 90 Prozent der Fälle eine ganz triviale Ursache dafür gibt. Aber diese Angst und Frustration baut sich natürlich auf. Wenn man wiederholt erfolglos behandelt wurde , und das ist leider häufig der Fall, dass die Behandlung viel zu kurz angelegt ist, wird der Patient immer frustrierter und ängstlicher. Schließlich haben Sie es psychiatrisch gesehen mit einem Angstpatienten zu tun, der davon immer wieder gequält wird, dass ihm klar wird: Auch wenn das Medikament jetzt wirkt – der Schmerz kommt ja wieder. Das ist die Krux. Das ist der Teufelskreis, in den wir eingebunden sind und den wir überwinden müssen.Schmerzverarbeitung (Foto: Thinkstock)

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Beantwortet von Walter Zieglgänsberger am 22.06.2017 in Gesundheit, Medizin, Körper, Psychologie und Gehirn, Stichworte: , , , .

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Kommentare zu „Werden akute Schmerzen im Gehirn anders verarbeitet als chronische Schmerzen?“

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Gustav Sucher schreibt am 12.10.2018

Hallo, die Angstpatienten kann man bestimmt wieder umstimmen, in dem man die Ursache erkundet und danach entsprechende Maßnahmen einleitet. Es muss nämlich keiner Angst haben wenn man zum Zahnarzt geht. Bei den meisten liegt die Angst in Ihrer Kindheit, wenn sie Löcher in den Zähnen hatten und die Betäubung nicht lange genug eingewirkt hat. Danke für den Post!

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