Wie kann man Sterbende besser in die Gesellschaft integrieren?

von Sven Gottschling am 20.02.2017, Kommentar hinzufügen

Wir haben in Homburg/Saar am Uniklinikum die erste altersübergreifende Palliativstation eröffnet, das heißt wir betreuen Menschen vom Baby bis zum Greis.

Wir freuen uns über jeden Menschen, der über die Station kommt. Wir machen ganz viele offene Angebote. Bei uns stehen auch immer wieder die Türen auf, weil auch unsere Sterbenden noch etwas mitbekommen wollen. Wir haben eine Musiktherapeutin, Kunsttherapeutin, wir arbeiten mit Therapiebegleithunden, bei uns ist jedes Kinderlachen willkommen. Wir motivieren dazu, dass auch zu sterbenden älteren Menschen die Enkelkinder kommen, dass die sich verabschieden können. Die sollen aber auch laut und fröhlich lachend über den Flur fetzen – alles vor dem Sterben ist Leben. Ich finde es erbärmlich, dass Zimmer immer abgedunkelt werden und alle vor sich hin flüstern.

Ein Kollege von mir ist mal in ein Zimmer rein und hat nur gesagt: „Ach Gott, hat sie jetzt auch noch Migräne?“ und hat die Situation damit wunderbar aufgelöst, und alle konnten lachen. Also bei uns wird extrem viel gelacht, es geht ums Leben, es geht darum, was geht noch, es geht um Teilhabe. Ich würde mir total wünschen, dass wir das Sterben noch einmal dort hinholen, wo es früher einmal war: in die Mitte unserer Gesellschaft und nicht in die Schmuddelecke. Es wird gestorben in irgendwelchen Institutionen – in dem gekachelten Zimmer hinten links. Wir reden ja auch nicht über das Sterben. Wir haben eine dermaßen vermeidende Sprache: Allein der Duden führt über 100 Synonyme über das Sterben auf: jemand ist „sanft entschlafen“, „wurde abberufen“, hat die „letzte Reise angetreten“. Wenn Sie so sprechen, werden auch immer Kinder ausgegrenzt, denn Kinder nehmen Dinge immer wörtlich.

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