Woher kommt der Ausdruck „innerer Reichsparteitag“?

von Gabor Paal am 29.01.2014, Kommentar hinzufügen

Den Ausdruck hört man noch gelegentlich, und mancher zuckt da zusammen. Das wurde zuletzt bei der Fußball-WM 2010 deutlich, als die ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohensten den Ausdruck verwendete: Miroslav Klose, dessen Stürmerleistung vorher umstritten war, hatte ein Tor geschossen, worauf Müller-Hohenstein meinte, das müsse für ihn doch ein „innerer Reichsparteitag“ gewesen sein – im Sinne einer großen Genugtuung; Klose müsse also innerlich gejubelt haben. Das war ein kleiner Skandal. Ein Mitglied des ZDF-Fernsehrats beschwerte sich mit den Worten: „Wir nehmen es nicht hin, wenn extremistische Terminologie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen verbreitet wird“. Die Moderatorin musste sich entschuldigen.

Und ist es wirklich eine „extremistische Terminologie“?

Reichsparteitage waren eine Institution der Nazis und unstrittig ist, dass die  Redewendung „das ist mir ein innerer Reichsparteitag“ auf die Zeit des Nationalsozialismus zurückgeht. Um den Ausdruck moralisch zu bewerten, lautet die entscheidende Frage aber: Von wem wurde dieser in welcher Form benutzt? Da ist die Quellenlage eher ambivalent. Klar ist: Es war kein Propagandaausdruck der Nazis, sondern der Ausdruck entstand offenbar bald nach 1933 in der Studentenszene, und wurde eher mit einer ironischen Distanz verwendet. Der Ausdruck ist auch fast schon zu absurd, um ernst gemeint zu sein. Wenn jemand sagt: „Das ist mir ein innerer Reichsparteitag“ bringt das ja zum Ausdruck, was die Reichsparteitage faktisch waren: Pompöse Selbstbeweihräucherungs- und Jubelveranstaltungen. In dem Ausdruck klang also eher ein gewisser Spott mit. Manche Zeitzeugen sagen allerdings, dass dieser Ausdruck auch in der Hitlerjugend verwendet wurde – und da dann wohl eher unironisch. Insofern ist die Verwendung ambivalent.

Und warum ist er dann noch in Gebrauch?

Er lebte in der Nachkriegszeit weiter – sonst würden wir heute nicht darüber reden. Aber auch in der Nachkriegszeit behielt er seinen ironischen Unterton und wurde vor allem nach 1968 immer mehr zum flapsigen Sponti-Spruch – zumindest im Westen. In der DDR wiederum hat man den Ausdruck den Verhältnissen der SED-Diktatur angepasst. Dazu musste man ihn nur leicht abwandeln und sprach vom „inneren Parteitag“ – ebenfalls meist mit einem sarkastischen Unterton.

Aber verharmlost man nicht die Nazizeit, gerade wenn man den Ausdruck so flapsig verwendet?

Diesen Standpunkt kann man einnehmen, und deshalb ist an dieser Stelle durchaus Sensibilität geboten. Andererseits leben wir mit Hitler-Parodien oder -Karikaturen, ohne jedes Mal zu sagen: Skandal, hier wird etwas verharmlost. Als der Fall Müller-Hohenstein durch die Medien ging, meinte damals auch Dieter Graumann vom Zentralrat der Juden in Deutschland: Man muss das nicht zum Skandal aufbauschen, aber man sollte den Ausdruck auch nicht allzu leichtfertig verwenden. Die meisten, die diesen Spruch verwenden, denken sich sicher nichts Böses und wollen sicher auch kein rechtes Gedankengut verbreiten. Aber wenn man so etwas einfach so dahin sagt, werden nun mal bei vielen Menschen Assoziationen und Bilder wachgerufen, die in dem Zusammenhang eher verstörend waren, zumal im Rahmen eines großen Sportereignisses.

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Beantwortet von Gabor Paal am 29.01.2014 in Medien, Sprache und Redewendungen, Wirtschaft und Gesellschaft, Stichworte: , , , , , , .

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