Ich kann nicht an Gott glauben. Bin ich trotzdem religiös?

von Karl-Josef Kuschel am 27.03.2009, 1 Kommentar

Ich kann aus verschiedenen Gründen leider nicht an Gott glauben, habe aber natürlich die gleichen Fragen wie viele, die an Gott glauben – also Fragen nach Tod, Schicksal, all diese Dinge, die man sich so fragt. Meine beiden Fragen: Bin ich auch religiös? Und was würden Sie mir als Nicht-Glauben-Könnende empfehlen, um diese tiefen Fragen für mich zu beantworten?

Zu Ihrer ersten Frage: Wir sollten den Begriff „Religion“ nicht zu weit fassen, sondern ihn auch klar bestimmen. Nicht weil ich Ihnen irgendetwas absprechen möchte. Sondern weil Religiosität etwas klar Bennenbares, auch Unterscheidbares ist.
Ich würde einen Menschen religiös nennen, für den zunächst diese vorfindliche Wirklichkeit –also das Leben, das man lebt, die Geschichte, an der man teilnimmt – etwas Vorläufiges, Fragmentarisches, Brüchiges, Flüchtiges ist, und die Menschen, die dann ihr Vertrauen setzen auf eine transzendente raum- und zeitüberschreitende Wirklichkeit. Das scheint mir das spezifisch Religiöse zu sein.Vertrauen auf eine Wirklichkeit, die nicht identisch ist mit hier von Raum und Zeit Vorfindlichen. Das ist das Entscheidende.
Viele Menschen haben in der Tat, wie Sie mit Recht sagen, diese Grund- und Urfragen, gerade weil sie ihr Leben als flüchtig, als brüchig, als vorläufig erleben. Sie können aber diesen letzten Schritt, dieses Vertrauen auf eine transzendente Wirklichkeit, die man Gott nennen kann, nicht vollziehen.

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Beantwortet von Karl-Josef Kuschel am 27.03.2009 in Religion, Stichworte: , , , .

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Kommentare zu „Ich kann nicht an Gott glauben. Bin ich trotzdem religiös?“

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Fritz Seibel schreibt am 17.02.2010

…“Sie können aber diesen letzten Schritt, dieses Vertrauen auf eine transzendente Wirklichkeit, die man Gott nennen kann, nicht vollziehen.“
Warum sollte ich denn auch an einen personalen Schöpfer-Gott glauben müssen, welcher doch wohl dem Denken jener frühen Menschen entsprungen ist, die sich die Welt und ihre eigene Existenz bildhaft erklären wollten? Millionen von gläubigen Buddhisten kommen z.B. ohne einen solchen Gottesbegriff aus. Genügt es nicht, auch im Hinblick auf das irritierende Wissen der Kosmologie, Evolution und Gehirnwissenschaft, daran festzuhalten, dass das Leben einen – wenn auch verborgenen – Sinn hat und das es sich lohnt, nach ethischen Prinzipien, die ja auch in allen Religionen gefordert werden, zu handeln? Alle diejenigen, die es in fundamentalistischer Konkretheit besser zu wissen behaupteten, haben – wie es die Geschichte beweist – mehr Elend als Heil über die Menschheit gebracht.

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