Warum gelten Eulen als weise?

von Gabor Paal am 01.08.2012, Kommentar hinzufügen

Historisch lässt sich das klar auf die griechische Mythologie zurückführen. Die Eule war das Begleittier der Göttin Athene, und Athene war nun mal nicht nur Schutzgöttin der Stadt Athen, sondern auch die Göttin der Weisheit. Auf den alten griechischen Silbermünzen war deshalb auf der einen Seite ein Bild der Athene eingeprägt, auf der anderen das einer Eule. Und von diesen Münzen waren in Athen ziemlich viele in Umlauf. Daher die Redewendung „Eulen nach Athen tragen“ als Ausdruck für einen überflüssigen Vorgang – weil es in Athen schon so viele Eulen in Form von Münzen und Statuen gab.

Trotzdem stellt natürlich die Frage, warum die Eule – und nicht ein Esel oder eine Eidechse? Irgendetwas muss die Eule an sich gehabt haben, was es nahelegte, ausgerechnet sie mit der Weisheitsgöttin in Verbindung zu bringen. Vermutlich war dieses Tier eine gute Projektionsfläche: Die Eule mit ihrem ruhigen, beobachtenden, melancholisch-abgeklärten Blick wirkt nun mal weiser als eine Möwe oder ein Moorhuhn. Hinzu kam aber auch, dass die Göttin Athene von Homer als „eulenäugig“ beschrieben wird, wobei sich die Gelehrten nicht ganz einig sind, was Homer damit sagen wollte: ob Athene einfach schöne große Augen hat, oder ob sie Dinge sieht, die sich im Dunklen abspielen. Auch das hat ja im übertragenen Sinn etwas mit Weisheit zu tun: Dinge sehen, die andere nicht sehen, weil sie sich im Dunklen, im Verborgenen abspielen.

Gilt sie denn überall in der Welt als weise?

Das ist eine griechische Besonderheit. Um das festzustellen, müssen wir nur an unsere eigene Sprache denken. Denn zu den Eulen gehört ja auch der Kauz, und die Eulenart, die mit der Athene in Verbindung gebracht wird, ist ja streng genommen der Steinkauz. Im Deutschen bezeichnet man als Kauz aber eher einen etwas eigenwilligen spinnerten Sonderling – nicht gerade der Inbegriff der Weisheit.

Letztlich sind das natürlich ohnehin alles Projektionen, denn rein zoologisch betrachtet sind Eulen auch nicht intelligenter als die meisten anderen Vögel. Aber Mythen sind ja recht langlebig, und als der Euro eingeführt wurde, haben die Griechen ihre 1-Euro-Münzen wie in der Antike mit dem alten Motiv der Eule versehen. Der finanz- und haushaltspolitischen Weisheit hat das, wie wir wissen, nichts genützt. Deshalb – Ironie der Geschichte – tragen wir ja heute „Euro nach Athen“, und damit indirekt auch wieder Eulen; zumindest wenn es sich um griechische Euro-Münzen handelt.

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