Wie war im Mittelalter die Konstruktion von Deckengewölben möglich?

von Barbara Schock-Werner am 06.07.2012, Kommentar hinzufügen

Das Grundprinzip lässt sich anhand eines einfachen Versuchs gut nachvollziehen: Wenn man einen Pappstreifen zwischen zwei Gläser legt, dann hängt der durch. Wenn man den Pappstreifen aber in eine Richtung biegt, dann wird er stabil. Das heißt, jede gekrümmte Fläche ist stabiler als eine ebene Fläche.
Der klassische Bogen ist ein Rundbogen, der aus vielen keilförmigen Steinen besteht. Und wenn der Bogen mit den keilförmigen Steinen geschlossen ist, stabilisieren die sich selber, weil sie sich gegenseitig am Herunterfallen hindern. So einfach ist das.
In der Gotik ist das ein wenig anders. Da kam man auf den Spitzbogen, weil er vielseitiger einzusetzen war und weil er der Kraftlinie näher ist als der Rundbogen. Aber die Schübe der gotischen Gewölbe konnten die dünnen Wände natürlich nicht aufhalten. Und deshalb gibt es außerhalb der Wände Strebepfeiler und Strebebögen, die nun wieder mit ihren Bögen die Wände oder die Gewölbeansätze stützen und die Schubkräfte, die von dort kommen, aufnehmen und zur Erde ableiten.

War das nun Erfahrungswissen oder gab es auch mathematische Formeln, die die Baumeister damals angewandt haben?

Zur Berechnung von Grundrissen oder Wanddicken gab es auch mathematische Formeln. Aber für Dimensionierung war es einfach Erfahrungswissen.
Es wurde immer höher und es wurde immer schlanker und wenn es eingefallen ist, dann hat man gemerkt: Das war der Schritt zu viel.
Wir haben heute ja nur die Kirchen, die stehengeblieben sind. Diejenigen, die sozusagen unter der Erfahrung des Einsturzes die Geschichte weitertrieben, sind ja nicht mehr vorhanden.
Es gibt ein berühmtes Beispiel der Kathedrale von Beauvais, die so hoch und so schlank und so steil gebaut wurde, dass sie zweimal schon während der Bauzeit eingestürzt ist. Da haben alle gelernt: Das ist die Grenze, über die dürfen wir hier nicht hinaus.
Aber es ist eine pure Erfahrungsgeschichte, es gab keine Berechnungen dafür.

Aber war es dann nicht lebensgefährlich, an einem Dombau mitzuarbeiten?

Nein, die Schritte waren ja immer winzig, mal von Beauvais abgesehen. Die meisten dieser Baumeister hatten sehr große Erfahrungen und wussten genau, was sie taten.
Es gibt erstaunlich wenige Todesfälle auf mittelalterlichen Baustellen. Dazu waren die Steinmetze viel zu rar und zu kostbar, als dass man sie so gefährden konnte.

Informationen zu dieser Antwort:

Beantwortet von Barbara Schock-Werner am 06.07.2012 in Geschichte und Archäologie, Religion, Philosophie, Ethik, Stichworte: , , , , , , .

Weitere Möglichkeiten:

Antwort drucken

Kommentare zu „Wie war im Mittelalter die Konstruktion von Deckengewölben möglich?“

Noch sind keine Kommentare vorhanden. Ich möchte einen Kommentar verfassen.

Kommentar schreiben

Name und Email müssen angegeben werden, die Email-Adresse wird nicht innerhalb der Kommentare angezeigt.

*