Warum drehen sich alle Windräder im Uhrzeigersinn?

von Gabor Paal am 06.10.2011, Kommentar hinzufügen

Das hat sich einfach so ergeben. Es hat also nichts mit der „Hauptwindrichtung“ zu tun (wäre es so, könnte man das Windrad ja einfach andersherum aufstellen und linksherum drehen lassen). Es hat auch nichts mit der „Corioliskraft“ zu tun, wie auf manchen Internetseiten steif und fest behauptet wird: Die Corioliskraft ist eine Kraft, die sich durch die Erddrehung ergibt und dafür sorgt, dass sich Hochdruckgebiete auf der Nordhalbkugel rechtsherum drehen. Aber Windräder drehen sich überall rechtsherum, nicht nur auf der Nordhalbkugel, und das liegt einfach daran, dass die Rotoren so gebaut sind.

Und hat das irgendwelche Vorteile?

Die Drehrichtung ist für die Funktionsweise völlig egal. Es ist nur einfach praktischer, wenn es eine einheitliche Richtung gibt, und da hat sich der Uhrzeigersinn durchgesetzt. Früher, in der Zeit der Windmühlen, waren die Traditionen sehr unterschiedlich: Es gab Länder wie Dänemark und Holland, wo sich die meisten Windmühlen links herum gedreht haben, in Norddeutschland drehten sie sich eher rechts herum. Bei den modernen Windkraftanlagen war es anfangs auch so. Die frühen Windräder in Dänemark haben sich links herum gedreht. Diese regionalen Traditionen gibt es bei den Windkraftanlagen nicht mehr, weil das ja ein weltweiter Markt ist. Und da hat sich die Drehung im Uhrzeigersinn einfach als weltweiter Standard durchgesetzt – auch wenn es dafür keine offizielle Norm gibt. Aber es ist ja sinnvoll, weil die Produktion dadurch einfacher ist: Die Rotorblätter der Windräder sind ja im Längsprofil asymmetrisch geformt – sie haben eine Luv und eine Leeseite, so dass sie die Windkraft möglichst effizient in eine Drehbewegung umsetzen. Wollte man jetzt neben den rechts- auch linksdrehende Windräder bauen, bräuchte man zusätzlich spiegelverkehrt gebaute Rotorblätter. Das wäre technisch kein Problem, würde aber natürlich mehr Aufwand bedeuten als wenn man immer nur einen Typ herstellt. Neben diesen praktischen Gründen kommt vielleicht auch noch ästhetische hinzu: Windräder werden ohnehin schon von vielen als eine Beeinträchtigung des Landschaftsbilds wahrgenommen. Wenn sich nun in einem großen Windpark die einen Räder rechtsrum und die anderen linksrum drehen, würde das unter Umständen noch unruhiger wirken als wenn sich alle Räder in die gleiche Richtung drehen.

Eine einheitliche Drehrichtung ist also sinnvoll – aber dass sich dabei die Uhrzeigerrichtung durchgesetzt hat, ist Zufall?

Ja. Es gibt eine Geschichte, die man sich in der dänischen Windindustrie erzählt. Demnach fiel die Entscheidung 1970 in Dänemark. Es gab zwei Brüder, die beide in der Windbranche tätig waren, Erik und Johannes Grove-Nielsen. Diese Brüder waren Konkurrenten. Der eine, Erik, hat nun eines Abends am Küchentisch seine Rotorblätter entworfen und dabei mit seiner Frau auch die Drehrichtung besprochen. Daraufhin meinte die Frau sinngemäß: Die Blätter vom Johannes laufen linksherum, deshalb sollten sich unsere rechtsherum drehen. Und nachdem sich Eriks Firma in den darauf folgenden Jahren zu einem weltweit führenden Rotorblatthersteller entwickelt hat – so die Geschichte, hätten sich die rechtsdrehenden eben durchgesetzt.

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Beantwortet von Gabor Paal am 06.10.2011 in Architektur und Bauen, Mathematik und Physik, Wirtschaft und Gesellschaft, Stichworte: , , , , , , .

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