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SENDETERMIN Mi, 31.1.2018 | 21:00 Uhr | SWR Fernsehen

Leben retten und sterben lassen Das Intensiv-Team (2/2)

Die Intensivmedizin vollbringt heute wahre Wunder und kann Menschen ins Leben zurückholen, die vor wenigen Jahren noch unrettbar verloren gewesen wären. Für die Ärzte und Schwestern ist es „auf Intensiv“ eine anstrengende und aufreibende Arbeit, die viel Konzentration erfordert, aber auch enorm befriedigend ist. Ständig sind sie mit Extremsituationen konfrontiert. Wenn es gelingt, ein Leben zu retten. Aber auch wenn sie letztlich feststellen müssen, dass alle ihr Können keine Aussicht auf Erfolg hat. Wie viel Therapie ist möglich, wie viel Therapie ist ethisch vertretbar? Das sind keine abstrakten Fragen für die Ärzte auf der Intensivstation. Im Gegenteil: Sie müssen Tag für Tag ganz konkrete Entscheidungen über Leben und Tod treffen.
Autor Patrick Hünerfeld, Arzt und Filmemacher, hat über viele Wochen das Intensiv-Team auf einer der modernsten Intensivstationen Deutschlands begleitet und ihren Kampf um Leben und Tod dokumentiert.

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Leben retten und sterben lassen

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Kühltherapie nach Wiederbelebung

Kühltherapie nach Wiederbelebung

Kühltherapie nach Wiederbelebung

Lebensrettung mit einem Herzkatheter

Ohne künstliche Beatmung können viele Intensivpatienten nicht überleben

Uniklinik Freiburg, Intensivstation. Mit dem Rettungswagen wird ein Mann gebracht, der nach einem Herzinfarkt wiederbelebt werden musste. Während die Ärzte im Herzkatheterlabor sein Leben retten kommt schon der nächste Patient: Er hatte einen schweren Unfall.

Wiederbelebt

Das Herz steht, keine Atmung: Der Patient ist tot – oder gibt es doch noch Hoffnung? Wenn unverzüglich wiederbelebt wird – mit Beatmung, Herzdruckmassage oder auch mit Hilfe eines Defibrillators – können Patienten durchaus zurück ins Leben geholt werden. Der Kreislauf springt wieder an, das Herz schlägt, der Brustkorb hebt und senkt sich. Ob eine solche Wiederbelebung am Ende aber tatsächlich zum Erfolg führt, zeigt sich oft erst mehrere Tage später. Entscheidend ist dabei meist, ob das Gehirn des Patienten Schaden genommen hat. Sobald der Blutkreislauf steht, bekommt das Gehirn keinen Sauerstoff mehr und die empfindlichen Nervenzellen beginnen abzusterben. Durch den Sauerstoffmangel schwillt das Gehirn zudem an. Weil es rundherum vom Schädelknochen umgeben ist und dem steigenden Druck nicht ausweichen kann, wird es noch schlechter versorgt – ein Teufelskreis. Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen sollten wiederbelebte Patienten standardmäßig auf einer Intensivstation herunter gekühlt werden.

Kälte gegen Hirnschäden

Der wiederbelebte Patient wird mit Betäubungsmitteln ins künstliche Koma versetzt und auf 33 Grad Celsius gekühlt. Die Kühlung soll dem Anschwellen des Gehirns entgegenwirken und so langfristige weitere Schäden verhindern. Nach 24 Stunden Kühlung erwärmen die Ärzte den Patient langsam wieder und lassen ihn wieder aufwachen. Wenn das gelingt, hat der Patient eine echte Chance ohne bleibende Schäden zurück ins Leben zu kommen. Oft gelingt dies aber auch nicht. Mitunter bleiben Schäden am Gehirn zurück, die auch mit schweren Beeinträchtigungen einhergehen können. Oder der Patient erholt sich nicht, weil sein Gehirn beispielsweise schon zu schwer geschädigt ist. Dann steht die Frage im Raum, ob eine weitere Therapie überhaupt noch sinnvoll ist.

Therapiezieländerung

Jede Therapie sollte ein konkretes, erreichbares Ziel haben. Auf der Intensivstation gilt dies besonders, sind hier doch die Therapien oft mit massiven Eingriffen und Nebenwirkungen verbunden. Die Intensiv-Teams müssen jeden Tag neu überlegen, welche konkreten Ziele für ihren Patienten erreichbar und sinnvoll sind. Zu Beginn gibt es immer ein einfaches, sehr klares Ziel: Heilung. Wenn sich dieses Ziel nicht mehr erreichen lässt, kann eine Lebensverlängerung angestrebt werden, eine Verbesserung der Lebensqualität oder zumindest eine Symptomlinderung. Oft müssen die Teams aber auch nach mehreren Tagen und vielen Therapieversuchen feststellen, dass das einzig erreichbare sinnvolle Ziel die Sterbebegleitung ist, die sogenannte Palliation.


Ohne künstliche Beatmung können viele Intensivpatienten nicht überleben

Ohne künstliche Beatmung können viele Intensivpatienten nicht überleben

Entscheidung über Leben und Tod

Eine Therapiezieländerung kann eine weitreichende Entscheidung sein und solche Entscheidungen trifft auf der Intensivstation nicht ein Arzt alleine – es ist vielmehr eine Aufgabe für das gesamte Team, Ärzte und Intensivpflegekräfte. Dabei ist das medizinische Team vor allem an eines gebunden: Den Willen des Patienten. Gegen den erklärten oder mutmaßlichen Willen des Patienten darf nicht therapiert werden. Umgekehrt darf aber auch nicht therapiert werden, wenn es für die Therapie keine medizinische Indikation gibt, wenn beispielsweise ein Therapieversuch von vorneherein aussichtlos ist.

Der Patientenwille

Wenn der Patient bei Bewusstsein ist, ist es relativ einfach, den Patientenwillen zu erfragen. Dabei muss aber immer sichergestellt werden, dass es wirklich sein freier Wille ist – dafür können auch noch Experten wie Psychologen. Psychiater oder Ethiker hinzugezogen werden. Schwieriger ist es, wenn der Patient nicht oder nur eingeschränkt bei Bewusstsein ist, was gerade auf Intensivstationen häufig vorkommt. Dann können sich die Ärzte an der Patientenverfügung orientieren und zudem versuchen, gemeinsam etwa mit den engsten Angehörigen herausfinden, was der mutmaßliche Wille des Patienten ist.

Die Entscheidung zum „sterben lassen“

Am Ende kann auch die Entscheidung stehen, den Patienten sterben zu lassen. Ein möglicher Grund: Es gibt keine medizinische Indikation mehr für weitere Therapieversuche, weil diese aussichtslos wären. Der zweite mögliche Grund: Es gäbe zwar noch Therapiemöglichkeiten, beispielsweise für eine Lebensverlängerung, aber der Patient lehnt dies ab. Dann ist das Behandlungsteam an den Patientenwillen gebunden und darf ihn nicht gegen seinen Willen weiter therapieren.


Viele Patienten landen nach schweren Unfällen auf der Intensivstation.

Viele Patienten landen nach schweren Unfällen auf der Intensivstation.

„Sterben lassen“ – aber nicht töten!

Ist die Entscheidung gefallen, den Patienten sterben zu lassen, ist die nächste Frage: Wie?
Klar ist: Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten, das heißt, die Ärzte dürfen dem Patienten zum Beispiel kein Arzneimittel geben, um ihn zu töten. Um Sterbehilfe geht es auf der Intensivstation aber in der Regel ohnehin nicht, sondern um Sterbebegleitung. Das ist etwas grundsätzlich anderes.
Der Unterschied: Bei Sterbehilfe will ein lebender Mensch, der in absehbarer Zeit nicht von alleine sterben würde, lieber tot sein. Er will sich selbst töten oder töten lassen.
Bei der Sterbebegleitung auf der Intensivstation ist die Ausgangssituation eine ganz andere: Ein todkranker Mensch wird mit unterschiedlichsten Therapien medizinisch am Leben gehalten. Ohne künstliche Beatmung oder etwa Dialyse kann er gar nicht weiterleben. Fällt die Entscheidung, ihn sterben zu lassen – weil das seinem Willen entspricht oder weil es keine anderen Therapieoptionen mehr gibt – wird die medizinische Therapie, die ihn bislang am Leben hält, herunter gefahren. Beispielsweise kann, wie in unserer Dokumentation, die künstliche Zufuhr von Sauerstoff reduziert werden. Der Patient wird also nicht getötet, sondern die Therapie wird reduziert und dadurch nimmt seine Erkrankung den natürlich Verlauf, der bis dahin künstlich aufgehalten wurde: Er stirbt.

Im Film zeigen wir diese Entscheidungsprozess und Abläufe. Gleichwohl kann der Film nur einen Ausschnitt aus dem ganzen Geschehen zeigen, dass sich oft über mehrere Tage hinzieht. Neben zahlreichen Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen, den Pflegekräften, Psychologen und Psychiatern befassen sich auch Juristen und Ethiker mit so einem Fall, um sicherzustellen, dass die Beendigung der Intensivtherapie tatsächlich dem Willen des Patienten entspricht. Und auch bei der Reduzierung der Intensivtherapie und der Medikation wird genau darauf geachtet, dass es wirklich Sterbebegleitung ist – und nicht etwa Sterbehilfe.